Konzert nach CD-Produktion: Gunilla Süssmann spielt im Bremer Sendesaal Werke von Grieg, Mendelssohn und Brahms

Seriöse Wagnisse und brillante Schlichtheit

Facettenreich: Gunilla Süssmann ist am Sonntagabend im Bremer Sendesaal aufgetreten.
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Facettenreich: Gunilla Süssmann ist am Sonntagabend im Bremer Sendesaal aufgetreten.

Bremen - Von Johannes BruggaierUnd wieder ist eine Aufnahme im Kasten, eine weitere Produktion aus dem Bremer Sendesaal.

Gunilla Süssmann heißt die Pianistin aus Norwegen, die für ihren jüngsten Arbeitsnachweis die viel gerühmte Akustik des ehemaligen Radio-Bremen-Gebäudes genutzt hat: eine CD mit Werken von Grieg, Mendelssohn und Brahms. Es gab Zeiten, da bekamen Interpreten viel Geld für solche Einspielungen. Heute müssen sie angesichts der Internet-Gratiskultur froh sein, wenn ihnen Kosten erspart bleiben. Ein kleines Produktionskonzert für das Publikum vor Ort ist da allemal drin.

So gewährt Süssmann am Sonntagabend Einblicke in ein Programm, das sich an der Romantik orientiert. Los geht es mit Edvard Griegs Ballade g-moll op. 24, ein facettenreiches Werk aus dem Jahr 1875, das manchen Grieg-Kennern als sein Persönlichstes gilt: Eine Ehekrise soll der Komponist darin verarbeitet haben, ebenso den plötzlichen Tod seiner Eltern.

Süssmann widersteht der Versuchung, die melancholische Einführung allzu getragen zu intonieren. Statt nordischer Depression wird der Anspruch einer fordernden Auseinandersetzung spürbar. Tempoverschärfungen wechseln sich mit deutlichen Retardierungen ab, was eine gewisse Sprunghaftigkeit im Ausdruck zur Folge hat. Doch die Unbeständigkeit erscheint keineswegs als Mangel, vielmehr als Ausdruck der Identitätskrise eines von Schicksalsschlägen getroffenen Individuums: Eine große Ernsthaftigkeit prägt diese Darbietung gerade dadurch, dass sie den dramatischen Gestus vermeidet.

Felix Mendelssohn Bartholdys anschließende „Variations Sérieuses“ d-moll op. 54 beziehen ihren Titel aus der erklärten Absicht des Komponisten, der zu seiner Zeit verbreiteten virtuosen Effekthascherei eine „seriöse“ Variationsform entgegenzusetzen. Von einer Brückenfunktion zwischen Beethoven und Brahms ist im Programmheft (und fast wortgleich bei Wikipedia) die Rede. Mit ihrer romantisch anmutenden Phrasierung und Anflügen von Melancholie lässt Süssmann zunächst mehr an Grieg denken als an Beethoven. Andererseits zeichnen sich tatsächlich bald auch die Konturen Brahmsscher Variationstechnik in ihrer hellen Klarheit ab. Die Pianistin betont diese kontrastierende Farbgebung, was sich als spannende Angelegenheit erweist – wenn auch das Werk an den Schnittstellen dieser Gegensätze förmlich auseinanderzufallen droht.

Wie hoch solch ein Wagnis zu schätzen ist, zeigt sich erst im Vergleich mit Johannes Brahms‘ „Händel-Variationen“ op. 24. Von romantischer Schwermut ist hier kaum mehr etwas übrig geblieben, zart und federleicht gestaltet Süssmann die barock strukturierte Motivik aus. Es ist die homogenste Darbietung dieses Abends, einerseits. Andererseits ist es damit aber auch die Gewöhnlichste und damit manchmal ein bisschen langweilig. Bei aller technischen Brillanz haftet der Entwicklung des thematischen Materials etwas Etüdenhaftes an, Passagen wie der monophone Beginn der Fuge werden von Süssmann in geradezu provozierender Schlichtheit ausgestellt.

Es ist alles in allem also ein facettenreicher Auftritt der norwegischen Interpretin, mithin ein anregender Abend. Wann die nun eingespielte CD erscheint, war gestern noch nicht zu erfahren. Dass sich ihr Erwerb lohnen könnte, lässt sich nach dieser Darbietung aber vermuten.

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