Das Wilhelm-Busch-Museum in Hannover zeigt japanische Zeichenkunst

Sequenzen des Horrors

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Keiji Nakazawa: Seite 252 aus Barfuß durch Hiroshima, 1972, Tusche/Feder auf Bleistift. ·ikatur und Zeichenkunst

Hannover - Von Jörg Worat. Als 2010 das „Wilhelm-Busch-Museum – Deutsches Museum für Karikatur und kritische Grafik“ zunächst in „Deutsches Museum für Karikatur und Zeichenkunst Wilhelm Busch“ umbenannt wurde und dieser Name schon ein Jahr später der Bezeichnung „Wilhelm Busch Deutsches Museum für Karikatur und Zeichenkunst“ weichen musste, schlugen die Wellen in Hannover hoch.

Nun mag das Pendeln zwischen diesen drei Bandwürmern für Nichteingeweihte befremdliche bis bizarre Züge tragen, eine gewisse Logik hatte der Wunsch nach Namensänderung aber durchaus: Es sollte der Eindruck vermieden werden, das Haus zeige ausschließlich Werke von Wilhelm Busch, der darüber hinaus ja im Ausland keineswegs so bekannt ist wie vor Ort.

Tatsächlich ist hier schon lange eine große Bandbreite an Zeichenkunst zu sehen. Es gab etwa Sonderausstellungen über den großen Provokateur Félicien Rops oder über die eigentümlichen Bildwelten von Rodolphe Töpffer, zu dessen größten Fans Goethe gehörte. Das Haus verwahrt zudem die bedeutenden Nachlässe von F.K. Waechter und Ronald Searle. Und zur Zeit betritt man mutig Neuland: Mit der Schau „Bildrollen und Manga“ hat erstmals die japanische Zeichenkunst Einzug in die heiligen Hallen gehalten.

Wer mit „Manga“ allerdings in erster Linie großäugige Musterbeispiele für das Kindchenschema, extravagante Frisuren und rasante Samurai-Action in Verbindung bringt, kommt hier kaum auf seine Kosten. Der einzige Nachkriegs-Comic in dieser Ausstellung ist „Hadashi no Gen“, in den siebziger Jahren von Keiji Nakazawa herausgebracht und 1982 von Rowohlt unter dem Titel „Barfuß durch Hiroshima“ als erster deutscher Manga veröffentlicht, wenngleich nicht in voller Länge. Einer kleinen Sensation gleich kommt die Tatsache, dass hier neben übersetzten (und gespiegelten, da man in Japan von rechts nach links liest) Auszügen auch Originalzeichnungen zu sehen sind – die verlassen das Ursprungsland üblicherweise nicht und verdanken ihre Reise wohl nicht zuletzt der Tatsache, dass Hiroshima Partnerstadt von Hannover ist.

Die Blätter zeigen eine sehr spezielle Mischung aus kunstvoll gezeichneten Panoramadarstellungen, fast kindlich wirkender Mimik und äußerst krassen Szenen. All dies ist nun bei Manga durchaus keine Seltenheit, die Sequenzen puren Horrors, die in anderen Geschichten einigermaßen unmotiviert daherkommen können, haben hier allerdings volle Berechtigung: Nakazawa hat seine eigene Geschichte aufgezeichnet, und das ist diejenige des 1945er Atombombenabwurfs, den er überlebte, dabei aber fast seine gesamte Familie verlor – die Mutter starb später an den Strahlungsschäden. Die Veröffentlichung war damals eine Pioniertat, da der Zweite Weltkrieg und das nukleare Trauma in Japan viele Jahre lang eher totgeschwiegen wurde.

Im unteren Museumsbereich ist zudem die Entwicklung der japanischen Bildgeschichte nachzuvollziehen. Das beginnt mit einer von buddhistischen Mönchen geschaffenen Bildrolle aus dem 18. Jahrhundert und setzt sich unter anderem fort mit den berühmten Meistern Katsushika Hokusai (1760-1849) und Utagawa Hiroshige (1797-1858). Auffällig, wie die bildhaften Schriftzeichen eine ganz andere Wirkung entfalten als ihre westlichen Pendants, auffällig ferner, wie filigran der japanische Farbholzschnitt im Vergleich zu hiesigen Umsetzungen wirkt, auffällig schließlich, mit welcher Selbstverständlichkeit das Bizarre in diese Bildwelten eingebunden ist – so manchen Dämon oder Geist möchte man sich fast nach Hause einladen. Was sicherlich auch und vor allem damit zu tun hat, dass im Land der aufgehenden Sonne eine Spiritualität vorherrscht, die so ganz anders ist als die christlich geprägte.

Die Ausstellung dauert bis zum 6. Januar, die genauen Öffnungszeiten, auch über die Feiertage, findet man unter http://www.karikatur-museum.de. Wenigstens der Name dieser Adresse ist einigermaßen kompakt geblieben.

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