„Selbstporträt mit Flusspferd“: Arno Geigers neuer Roman über das Leiden am Jungsein

Ein Mann sucht sein Leben

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Mediengruppe Kreiszeitung

Bremen - Von Johannes Bruggaier. „Flusspferde“, heißt es in einer bekannten Internet-Enzyklopädie, „verbringen praktisch den ganzen Tag schlafend oder ruhend“. Das hört sich beneidenswert an. Man muss aber dazu wissen, dass Flusspferde reine Vegetarier sind, außer dem Menschen kaum Feinde haben und keinerlei Sehnsucht nach einer monogamen Beziehung verspüren. Das alles vereinfacht das Leben ungemein, weshalb Flusspferde im Vergleich zu Menschen gut Reden haben. - Von Johannes Bruggaier.

Man kann sich insofern geeignetere Orientierungspunkte für einen unsicheren jungen Mann vorstellen als so ein selbstzufriedenes, irgendwie immer glückliches Tier. Ein wenig perfide ist es also schon, wenn Arno Geiger die Hauptfigur seines neuen Buchs, das zwischen Bildungs- und Antibildungsroman oszilliert, ausgerechnet mit einem solchen Wesen konfrontiert. Einen ganzen Sommer lang darf Julian, Student der Veterinärmedizin, in Professor Behams Garten aushelfen. Es gilt, ein verwaistes Zwergflusspferd zu pflegen, bis für seinen endgültigen Verbleib ein Zoo gefunden ist.

Das sieht nach einer günstigen Gelegenheit zur Ablenkung aus: endlich auf andere Gedanken kommen nach der Trennung von Judith, Julians erster großer Liebe. Einer Trennung, die der diffusen Vorstellung entsprungen ist, diese Liebe sei vielleicht nicht „das Wahre“. Es müsse da noch mehr zu erfahren geben für einen jungen Mann von Anfang zwanzig. Und es gibt ja auch mehr zu erfahren. Die Frage ist nur, ob das die Sache wert war.

Seine Freunde von der Uni etwa scheinen auf „wahre“ Beziehungsmodelle ganz grundsätzlich zu pfeifen. Da gräbt der Tibor im Beisein seiner Freundin (mit dem bezeichnenden Namen „Claudi“) die Sabine an. Und als Julian die Betrogene auf den Missstand aufmerksam macht, findet die nur, dass Sabine doch „großartig“ sei: „Ich würde sie ebenfalls anmachen.“ Es ist die Toleranz der Supercoolen, mit denen sich Heranwachsende den Anschein von Selbstsicherheit geben, als Flucht vor den unangenehmen Fragen, welche dieses beunruhigende Gefühl „Liebe“ ihnen stellt.

Julian ahnt zwar, dass diese Flucht in nichts anderes als eine Sackgasse führen kann. Doch mit dieser Ahnung sieht er sich ziemlich allein – bis die kühle Tochter des Professors unvermutet doch noch seine Nähe sucht.

Von der Suche eines jungen Menschen nach seinem eigenen Leben erzählt Arno Geiger dezent ironisch und mit sanfter Melancholie. Das ist einerseits unaufdringlich unterhaltsam, andererseits zu glatt, zu reibungslos. Wenn in seichten Jungsgesprächen Frauen mit Etiketten wie „okay“, „geil“ und „neurotisch“ abgefertigt werden, entlarvt sich darin zwar jugendliche Hilflosigkeit. Doch reicht deren Betrachtung über das bloße Erkennen nicht hinaus. So fließt die Lektüre ähnlich lauwarm dahin wie der Sommer in des Professors Garten.

Wohin dieser Sommer seinen Protagonisten führt, sei nicht verraten. Für einen Nebendarsteller aber gibt es in jedem Fall ein Happy End: Das Flusspferd lebt jetzt in Basel.

Arno Geiger: „Selbstporträt mit Flusspferd“, Roman, Hanser Verlag: München 2015; 288 Seiten; 19,90 Euro.

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