„Der letzte Schrei“: Blaumeiers Munch in der Bremer Theatergalerie

„Selbstbildnis gut drauf“

Blaumeier malt nach Munch: Oliver Flügge an der Staffelei. ·

Bremen - Von Rainer BeßlingAls Lia Anders erfuhr, dass Edvard Munch häufig im Freien arbeitete, packte auch sie ihre Mal-Utensilien und ging an die frische Luft. Zusammen mit der Inspiration durch den berühmten norwegischen Kollegen nahm sie ihr Lieblingsmotiv mit: Suppenknochen, die vor kräftig-farbigen Gittern und Linien schweben. „Vermunchte Knochenarbeit“ nennt die Künstlerin ihre Bilder auf und hinter Acrylglas.

Colette Boberz fesselte offenkundig das Paar-Motiv, das sich durch das Werk des Norwegers zieht: Mann und Frau eng umschlungen, im Kuss verbunden, im Bett vereint. Doch hinter dem amourösen Glück lauern schon Kampf, Rosenkrieg und Herzensschmerz, das Lächeln verwandelt sich bald in Zähnefletschen. Der berühmte Munchsche Lebensfries vom Anfang und Ende der Liebe lässt hier grüßen. Auch Jonas Luksch greift die schicksalsschwangere Bilderfolge auf: Von signalroten, lockenden Brüsten zum Auftakt bis zum „Gesunden Menschenverstand“ im Finale.

Schon zu Lebzeiten beeinflusste Edvard Munch malende Kolleginnen und Kollegen nachhaltig. Ein dreiviertel Jahrhundert nach dem Tod des Norwegers hält die produktive Wirkung seiner Motive, Formen und Farben an. Lia Anders, Colette Boberz und Jonas Luksch gehören zu den Kunstschaffenden des Bremer Blaumeier-Ateliers, die sich anlässlich der großen Kunsthallen-Schau in der Hansestadt mit dem Schaffen Munchs beschäftigten.

Workshops, Malreise, eine Expedition nach Oslo – den Bildern aus der Malwerkstatt, die Menschen mit und ohne Behinderung unter dem Dach der Kunst zusammenführt, ging eine intensive Auseinandersetzung voraus. Deren Ergebnisse sind jetzt in der Theatergalerie Bremen zu sehen, also ganz in der Nähe der Bezugswerke. „Der letzte Schrei“ heißt die Präsentation ebenso munchsch wie blaumeierisch und unbedingt sehenswert.

Dabei werden die Besucher der Blaumeier-Schau nicht immer gleich eine entsprechende Vorlage des Meisters erkennen. Manche der Norwegen-Reisenden ließen sich mehr von der Landschaft als von dem Maler anregen. Christian Gau gibt die landestypischen Stabkirchen in dynamischer Balken-Struktur wieder. Christian Plep gestaltet die eindrucksvollen verschneiten Rücken monumentaler Bergformationen mit breiten Pinselstrichen. Dorothee Hansen, Kuratorin der Munch-Ausstellung in der Kunsthalle, sieht „die Fließspuren der weißen Farbe“ darin als Verweis „auf die transitorische Konsistenz des Schnees“. Überhaupt zeigte sie sich in ihrer Rede zur Eröffnung in der Theatergalerie beeindruckt von der Eigenständigkeit der Klassiker-Aneignung durch die Blaumeier-Künstler. Munch wäre von der Vitalität der Farben und dem Mut der Formen begeistert gewesen, so Hansen.

Oliver Flügge löst Landschaften und Figuren in einer Konsequenz auf, zu der Munch selbst noch nicht vorgedrungen war. Häufig ebnen erst die Titel Wege zum Verständnis der Flächen und Farben, und damit ist Flügge wieder nahe bei dem Norweger, dessen Titel häufig einen eigenständigen poetischen Rang besitzen. Martina Sobing, Martina Lankau oder Regina Jahn lehnen sich in ihrer fließenden, geschwungenen Strichführung und mit erdigen bis spirituellen, zarten bis morbiden Farben den atmosphärischen Bildräumen und ambivalenten Szenerien Munchs an.

Kein Zufall, dass Bildnisse einen großen Teil der Ausstellung einnehmen. Munch war ein begnadeter und viel gefragter Porträtist. Er schuf auch zahlreiche Selbstbildnisse, in denen er meist schonungslos mit der eigenen Person umging und die Lasten, die ihn ein Leben lang begleiteten, offen zum Ausdruck brachte.

Savas Özbe knüpft an Munchs Porträtkunst, aber nicht an die Depressivität und Melancholie des Norwegers an. Sein „Selbstbildnis mit Lineal“ zeigt einen aufrechten Mann, ein Bild, das an Munchs Porträt „Harry Graf Kessler“ erinnert: die gleiche Fußstellung, das gleiche Selbstbewusstsein, Grandezza – mit offenen Augen, großen Ohren und ohne Hut beim Blaumeier-Künstler. Ganz eindeutige Auskunft über die Stimmungslage von Savas Özbe gibt das „Selbstbildnis gut drauf“. Das gebrochene Seelenleben und der düstere Weltblick des Norwegers haben hier jedenfalls nicht abgefärbt. Blaumeiers Munch macht gute Laune.

Der letzte Schrei. Blaumeier auf den Spuren von Edvard Munch. Theatergalerie Bremen. Goetheplatz. Di-So 14-17 Uhr. Führung Sa und So 14 Uhr. Eintritt frei. Katalog 8 Euro

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