Die Geschichte eines Zuhälterrings erforscht

„Seit wann sind Kriminelle konfessionslos?“

Raquel Liberman half, den Zuhälterring „Zwi Migdal“ zur Strecke zu bringen. - Screenshot: Elianna Renner

Bremen - Von Radek Krolczyk. Im Jahr 2012 reiste die Bremer Künstlerin Elianna Renner auf den Spuren eines jüdischen Zuhälterrings durch die Welt. „Zwi Migdal“ hieß die Organisation, die vermutlich in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in Warschau gegründet und 1930 zerschlagen wurde. Der Ring hatte um etwa 1890 seinen Sitz in Buenos Aires. Zurzeit zeigt Renner in Bremen ihre Videoinstallation „La organización“ zu diesem Thema.

Frau Renner, wie sind Sie auf „Zwi Migdal“ aufmerksam geworden?

Elianna Renner: Ganz zufällig. Vor ein paar Jahren habe ich einen jiddischen Gesangsworkshop besucht. Dort lernte ich einen jiddischen Tango von 1930 kennen. Der Titel lautet übersetzt „Von meiner Mutter hat man mich weggenommen“.

Worum geht es in dem Lied?

Renner: Ein Mädchen führt ein Zwiegespräch mit einem Mann. Sie erzählt, sie sei in Buenos Aires gelandet, man habe sie dort zu einer Hure gemacht, und sie sehne sich zurück nach Hause. Der Mann antwortet ihr, in Argentinien gehe es ihr gut, zu Hause in Polen dagegen herrsche Armut. Ich habe dann erfahren, dass es einen jüdischen Zuhälterring mit dem Namen „Zwi Migdal“ gegeben hat.

Woher kommt der Name?

Renner: Das ist der Name einer männlichen Person. Zuerst hieß der Ring „Warsche“, das ist Jiddisch für Warschau. Die Gruppe kam vermutlich aus Warschau, das damals formal dem russischen Zaren unterstand. Der polnische Staat wurde ja erst nach dem Ende des Ersten Weltkriegs gegründet. Um 1920 führte dann der junge polnische Staat einen Prozess gegen die Gruppe. Man wollte nicht, dass ein Zuhälterring den Namen der polnischen Hauptstadt trägt.

Lässt sich die Gründung der Organisation und der Umzug nach Lateinamerika genau nachvollziehen?

Renner: Leider nein. Sollte es Gründungsdokumente gegeben haben, sind diese höchstwahrscheinlich zerstört worden. Buenos Aires ist der Sitz der AMIA. Das ist der Dachverband der jüdischen Gemeinden in Argentinien.  Dort befand sich auch das Zentralarchiv der jüdischen Gemeinden, und es wird gemunkelt, dass sich dort auch die Papiere des „Zwi Migdal“ befunden haben könnten. 1996 wurde der Sitz der AMIA bei einem Anschlag der Hisbollah zerstört. 86 Menschen kamen dabei ums Leben, mehr als 100 wurden verletzt.

Hätte denn ein Zuhälterring seine Dokumente an ein Archiv für jüdisches Leben in Argentinien abgegeben?

Renner: Das ist durchaus denkbar: „Zwi Migdal“ war eine eigenständige Organisation mit Sitz in Buenos Aires und hatte durchaus offiziellen Charakter. Sie hatte eine eigene Gemeinde mit eigenem Friedhof und einer eigenen Synagoge. Das entstand aus der Not heraus, weil die Mitglieder von der jüdischen Gemeinde ausgeschlossen wurden, die nichts mit Zuhältern zu tun haben wollte.

Eine kriminelle Parallelgesellschaft mit religiöser Infrastruktur?

Renner: Für uns klingt das seltsam: Es ist moralisch schwer vorstellbar, dass jemand einen Mord begeht und danach beten geht. Für Leute, die das Morden einfach nur als Job begreifen, ist das anders. Bei der italienischen Mafia ist es ähnlich. Seit wann sind Kriminelle konfessionslos?

Wie sind Sie bei Ihrer Recherche vorgegangen?

Renner: Ich habe mir zunächst eine Liste mit allen relevanten Wirkungsstätten der Organisation gemacht: New York, Buenos Aires, Montevideo, Rio de Janeiro, San Paulo, Mumbai, Kapstadt und Johannesburg. Diese Orte habe ich der Reihe nach aufgesucht.

Auf welchem Weg kamen die jüdischen Frauen von Polen nach Argentinien?

Renner: Die Frauen wurden zum Teil mit falschen Versprechungen dazu bewegt, ihr Zuhause zu verlassen. Es gibt Geschichten von inszenierten Hochzeiten. Andere Frauen wurden aber auch mit dem Versprechen gelockt, dass sie als Haushälterin beschäftigt würden. Ausgereist wurde per Schiff, zuerst über Marseille und Hamburg, später auch über Bremen. Vor 1860 war es Juden verboten, nach Bremen zu kommen. 

Ende des 19. Jahrhunderts wurden auch verschiedene Organisationen im Kampf gegen den Frauenhandel gebildet: In Bremen war auch der erste Stadtrabbiner Leopold Rosenak aktiv im Kampf gegen den Frauenhandel. Er arbeitete mit dem jüdischen Zweig des deutschen Komitees zur Bekämpfung des Mädchenhandels in Hamburg eng zusammen. Die Organisation operierte international und war auch an mehreren Kongressen beteiligt.

„La organización“ ist bis zum 15. Januar in der Galerie Mitte in Bremen zu sehen.

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