Auf seinem Streifzug durch die Geschichte der Kartografie entdeckt Simon Garfield skurrile Inseln und fragwürdige Projektionen

Afrikas unbestiegene Berge

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Mediengruppe Kreiszeitung

Bremen - Von Johannes Bruggaier. Hinter der großen Wüste, kurz vor dem atlantischen Ozean ragen ihre mächtigen Felsen empor: die Kong-Berge, die wohl größte Gebirgskette Westafrikas, von James Rennell Ende des 18. Jahrhunderts entdeckt und seither ein Mythos der Bergsteigerszene. - Von Johannes Bruggaier.

Man hat den Nanga Parbat erklommen, und den Nordpol erobert, man hat aus dem Mount Everest ein Ausflugsziel für den Massentourismus gemacht und die Antarktis mit Forschungsstationen übersät. Den höchsten Gipfel der Kong-Berge aber hat bis heute kein Mensch zu besteigen vermocht. Denn die Kong-Berge: Sie gibt es gar nicht.

Wie es dazu kommen konnte, dass dieses Gebirge bis ins 20. Jahrhundert hinein die Afrikakarten zahlreicher Atlanten aufhübschte, darüber gibt ein Buch Aufschluss, das jüngst im Theiss-Verlag erschienen ist. „Karten!“, lautet sein recht marktschreierisch anmutender Titel, geschrieben wurde es von Simon Garfield.

Der britische Journalist hat sich dafür auf eine Recherchereise begeben, die ihn an die historischen Stätten der Kartografie führte. Er hat sich mit Globusmachern wie Atlassammlern getroffen und hat die Weltliteratur von Stevensons „Schatzinsel“ bis zu Rowlings „Harry Potter“ nach kartografischen Besonderheiten durchforstet. Das Ergebnis ist ein außerordentlich unterhaltsamer Streifzug durch die Kultur der Karten.

Garfield beginnt mit dem antiken Alexandria, mit dem Weltbild des Claudius Ptolemäus und der frappierend genauen Erdumfangsberechnung des Eratosthenes von Kyrene. So richtig beginnt er mit seinem Exkurs aber erst viele Jahrhunderte später: im 13. Jahrhundert, der Entstehungszeit der „Mappa mundi“ aus dem englischen Hereford.

Es ist ein in seiner geografischen Eignung sehr eingeschränktes Stück Pergament, das eine umso fantastischere Bildsprache enthält. „Alles außer dem Paradies“ scheine darauf erreichbar, schreibt Garfield und bezeichnet damit den Kern der Faszination jeder Beschäftigung mit Kartenmaterial: Es kommt nicht auf exakte Ortsbestimmung an, sondern auf Fantasie und Sehnsucht nach der Ferne.

Die Mappa Mundi integriert geografische Details in christliche Symbole, oben wartet das Jüngste Gericht auf die Geretteten wie die Verdammten, links liegt Europa, Afrika dagegen rechts. Es ist eine Ausrichtung, wie sie der kirchlichen Praxis entsprach: mit dem Osten nach oben, weil dort, im Orient, schließlich die Sonne aufgeht. Das Wort „Orientierung“ hat sich aus dieser Zeit heraus bis heute erhalten.

Wie fragwürdig der Versuch einer exakten Abbildung der Welt ist, zeigt sich bei näherer Betrachtung der bis heute verbreiteten und allgemein akzeptierten Darstellungsform: der Weltkarte des Gerardus Mercator. Die Projektion sollte Handlungsreisenden eine bessere Berechnung ihres Kurses ermöglichen. Diese hatten sich bis dahin dem Problem ausgesetzt gesehen, beim Studium von planen Landkarten die Wirkung der Erdkrümmung zu berücksichtigen. Mit Mercators Gittersystem konnte dieses Problem behoben werden. Eine wahrhaftige Abbildung der Welt hatte sein Trick aber nicht zur Folge: Das Ausbreiten einer Kugeloberfläche auf eine flache Ebene ist ohne Verzerrungen so unmöglich wie die Quadratur des Kreises.

Immer wieder hat es deshalb Bemühungen gegeben, die verzerrte Weltkarte des Mercator durch Alternativentwürfe zu ersetzen, zuletzt von einem deutschen Kartografen namens Arno Peters, dessen Mitte der siebziger Jahre präsentierte „Peters-Gall-Projektion“ ein beunruhigend kleines Europa über ein verstörend großes Afrika setzte. Sein Vorschlag konnte sich nicht durchsetzen.

Angesichts solch zwangsläufiger Unwägbarkeiten können manche Skurrilitäten im Verlauf der Kartografie kaum verwundern. Kalifornien, Amerikas Sonnenstaat, trieb Jahrzehnte lang als mächtige Insel im pazifischen Ozean umher. San Francisco lag noch am Ufer des Festlands, der Rest hatte sich bereits gen Westen verabschiedet.

Ursprung dieses Missverständnisses dürfte eine spanische Publikation im Jahr 1622 sein, von welcher aus die Insel-Idee schließlich in eine wenige Jahre später erschienene Londoner Karte über „The Northern Part of America“ Eingang fand. Jahrhunderte lang geisterte das Eiland durch die Atlanten Europas, bis Spaniens König Ferdinand VII. 1747 ein Machtwort sprach. „Kalifornien ist keine Insel!“, war das königliche Dekret überschrieben: Dem mochte fortan niemand mehr widersprechen.

Und die Kong-Berge? Nun, auch sie verdankten ihre Existenz der Bequemlichkeit europäischer Landkartenproduzenten. Da sich James Rennell mit seiner Vermessung Bengalens hohes Ansehen erworben hatte, mochte niemand seine vermeintliche Entdeckung 1798 in Zweifel ziehen. So zeichnete ein Kartograf beim anderen ab, je nach Laune begnügten sich die Kong-Berge mal mit einer Ausdehnung von wenigen Kilometern, mal erstreckten sie sich über ganz Westafrika.

Anders als im Fall des kalifornischen Inselstaates, war für ihr Ende kein königliches Dekret nötig. Es genügte Ende des 19. Jahrhunderts der Reisevortrag eines französischen Offiziers in der Pariser Société de Géographie. Auf den Spuren James Rennells habe er den Verlauf des Niger verfolgt bis hinein in die Ausläufer des Kong. Was er dort am Horizont erblickte? „Nicht einmal eine Hügelkette!“

Simon Garfield: „Karten! Ein Buch über Entdecker, geniale Kartografen und Berge, die es nie gab“, übers. v. Katja Hald und Karin Schuler, Theiss Verlag: Darmstadt 2014; 480 Seiten, 29,95 Euro.

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