Michael Talkes Bremer „Wunschkonzert“: Ein etwas anderer Zugang zur Musik

Wer die Sehnsucht kennt

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Kann Musik der Seele helfen? Nadine Lehner in „Wunschkonzert“. ·

Bremen - Von Ute Schalz-Laurenze„Das möcht‘ ich gleich nochmal sehen!“, sagte eine Frau hinter mir nach dem herzlichen Schlussapplaus. Dabei war das Theater Bremen mit der Produktion von „Wunschkonzert“ ein Risiko eingegangen. Der unpräzise Untertitel des Stückes von Michael Talke ist „ein musikalischer Abend“, da weiß man so gar nicht, was einen erwartet. Zudem ist zunächst mal das ganz normale Musiktheaterpublikum angesprochen, das nun auf gar keinen Fall eine Oper zu hören bekommt.

Von dieser Art von experimentellem Theater gibt es einiges, aber alles außerhalb der traditionellen Opernhäuser. Deshalb sei gleich einmal gesagt, dass es mutig und gut ist, das Publikum einmal auf eine ganz andere Schiene zu locken – was mit der nächsten Premiere, einer szenischen Fassung von Gustav Mahlers dritter Sinfonie auch passieren wird.

Zum Risiko der Form kam das Risiko des Themas: 1973 war Franz Xaver Kroetz' Stück „Wunschkonzert“ mit großem Erfolg in Köln uraufgeführt worden, ein Stück, das ohne Worte auskommt: Eine Angestellte verbringt die Riten des Abends in ihrer super-sauberen Wohnung beim Anhören des Wunschkonzertes im Radio und tötet sich dann mit Schlaftabletten – einfach so, ohne erkennbaren Anlass. Das ganze Elend eines öden Lebens ohne Liebe wird bei Kroetz als Sozialkritik deutlich, in Bremen regte es Talke an, zu fragen, welche Rolle die Musik in unserer Psyche spielt oder spielen kann.

Und da hatte er kräftige Hilfe in der musikalischen Leitung von Tobias Vethake. Nadine Lehner ist die Protagonistin, dann erscheinen in denselben Klamotten und Frisuren der 1970er-Jahre mit Marysol Schalit, Steffi Lehmann, Alexandra Herrmann und Tamara Klivadenko vier verschiedene Ausprägungen ihres verzeifelten Inneren. Die Spielform ist auch schon musikalisch, die zweite macht dasselbe wie die erste, die dritte dasselbe wie die zweite, sozusagen Fugeneinsätze. Motive wie das Zeitungslesen oder das Zigarettenrauchen werden quasi leitmotivisch durchgeführt. Alle singen, singen die großen Lieder der Romantik mit ihren bewegenden Befindlichkeiten: „Nur wer die Sehnsucht kennt, weiß, was ich leide“ (Schumann), „...doch heimlich Tränen fließen“ (Schumann) „Und morgen wird die Sonne wieder scheinen“ (Strauss), „Ach welch wunderbarer Traum“ aus den Wesendonckliedern von Wagner, aber auch viele andere Lieder und der große Schlussmonolog der Dido von Henry Purcell („Remember me!“).

Das Musikprogramm mit seinen 18 Nummern wurde mit großer Kenntnis von Talke und Vethake ausgesucht und von allen bestens und ergreifend gesungen (Klavierbegleitung Jinie Ka und Cellobgeleitung von Vethake). Der Einsatz der Musik schaffte ein Doppeltes: er stattete die Seelen der fünf Frauen – es war ja eigentlich nur eine – mit allen Dimensionen aus, die der Musik möglich sind: Trost, Erkenntnis, Expression, Kommunikation, noch vieles mehr. Und er teilte genau dies auch dem Publikum mit, das dadurch mit einem differenzierteren Gefühlshaushalt konfrontiert war als dies eine nur stumme Schauspielerin könnte. In gewisser Weise auch ein Stück über die Heilwirkung der Musik. So traurig das Stück ist, Talke und Vethake setzten auch komische Akzente, mit aller Feinheit, niemals grob und platt: so, wenn der Putzfimmel sich bei allen wiederholt, wenn eine konkurrente Psychodynamik in der Gruppe sich ausbreitet, wenn Steffi Lehmann wiederholt am Telefon Schuberts Suleika singen will und der Partner einfach auflegt.

Nächste Aufführungen: 27. und 31. Januar, 8., 15., 24. Februar

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