Puccinis letzte Oper „Turandot“ erlebte eine bejubelte Premiere in Bremen

Seebühne mit Sekt und Sushi

Turandot an der Waterfront: Anna Shafajinskaja in der Titelrolle. Rechts hinten Zoran Todorovich, als Prinz Calaf bejubelt.

Bremen - Von Ute Schalz-Laurenze(Eig. Ber.) · Es stimmte so ziemlich alles an diesem Abend: Das Wetter mit der untergehenden Sonne und die Musik gingen eine perfekte Ehe ein, und das „Nessun dorma“, jene wahrscheinlich einzige Opernarie, die jeder Mensch kennt, riss das Publikum zu solchen Beifallsstürmen hin, dass der Tenor niederkniete.

Also erstmal alles Positive: Daniel Montané formte mit den Bremer Philharmonikern die Musik von Giacomo Puccinis „Turandot“ als Blöcke, als Skulpturen, was natürlich zu der open air-Aufführung sehr gut passte. Und die Mikrophone, beim „Fliegenden Holländer“ vor vier Jahren noch so mangelhaft eingestellt, dass man von einer akzeptablen Wiedergabe kaum sprechen konnte, waren nun wunderbar: Die Stimmen waren unverzerrt in ihren Eigenheiten zu erkennen, man konnte pianissimotöne ebenso hören wie die feineren Strukturen dieser Partitur.

Und in Bezug auf die Protagonisten ist von einer Glanzbesetzung zu berichten: Anna Shafajinskaia als eisige Turandot, noch besser und mit geschmeidigem Bel Canto Zoran Todorovich als Calaf und am allerbesten Patricia Andress als unglückliche Liù, die den Schutz von Calafs Identität mit dem Tod bezahlt.

Die innigste Musik Puccinis gehört der lyrischen Zartheit Liùs, die Andress sensationell ergreifend sang. Kurt Rydl als Timur – das muss man nicht haben, denn es gelingt dem erfahrenen Sänger offensichtlich nicht mehr, sein inzwischen terzgroßes Vibrato wieder rückgängig zu machen.

Puccini ist nach der Komposition von Liùs Tod 1924 an einem Krebsleiden gestorben, es existieren Skizzen, die Franco Alfano vervollständigt hat und die mit ihrem besinnungslosen Jubel und pompösen Happy End zwar ungeheuer wirkt, die aber möglicherweise nicht in Puccinis Sinn war. Er träumte von einer Schlussszene, in der „die Liebe explodiert“ und davon, dass Turandot im pianissimo endet. 2002 hat der italienische Komponist Luciano Berio eine solche Fassung hergestellt, die 2004 am Bremer Theater auch gespielt wurde. Zart und fragend ist der Schluss.

Das passt natürlich gar nicht zum Pomp der bremischen Seebühne, hier krönte Alfanos dröhnende Liebesglücksbeschwörung eine Inszenierung, die keine war und auch keine sein wollte. „Szenische Realisation“ heißt die Arbeit von Hans Joachim Frey und man kennt nun mittlerweile diese simplen Stellungen und dem Wasser angepassten Aktivitäten ohne die mindeste psychologisierende Sichtweise. Da werden die Opfer der männermordenden Prinzessin ins Wasser geworfen, da schwebt Turandot in einer silbernen Gondel (=Eis, wie ihr Kostüm) an einem Kran hoch über der Weser, ziemlich unwahrscheinlich, dass Calaf sich in diese Gondelinsassin, die er gar nicht sehen kann, verliebt. Da rutscht Liù für ihren Selbstmord ins Wasser, das so tief liegt, dass man das von den meisten Plätzen aus nicht sehen kann. Zum Silber der Turandot ist der Kaiser natürlich Gold (=Macht), Liù weiss (=Unschuld), Calaf schwarz (=undurchsichtiges Geheimnis). Dann waren da noch ein paar Turnereien über dem Wasser geplant, die aber bei der Premiere wegen des starken Windes ausfallen mussten. Der Chor war mit seiner großen Partie ebenso hervorragend wie das Orchester: Alles andere bleibt Geschmackssache wie auch die Übertragung über Lautsprecher, auch wenn diese wie hier noch so gut sind. Eben eine Seebühnenaufführung mit Sekt und Sushi drum herum: Man trifft sich.

Nächste Aufführungen: 15. bis 20.; 22. bis 26. Juni.

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