„Scopophilia“: Nan Goldin in der Kestnergesellschaft Hannover

Hingegossene Körper

Unverkennbare Ähnlichkeiten: Nan Goldins Fotografien im Vergleich zu Skulpturen des Louvre.
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Unverkennbare Ähnlichkeiten: Nan Goldins Fotografien im Vergleich zu Skulpturen des Louvre.

Hannover - Von Jörg Worat. Wenn die Kestnergesellschaft in einer Parallelausstellung Arbeiten von Pipilotti Rist (wir berichteten) und Nan Goldin zeigt, sind das gewiss höchst unterschiedliche Positionen. Aber es finden sich auch Gemeinsamkeiten: Zum einen spielt die Darstellung des Körperlichen bei beiden Künstlerinnen eine zentrale Rolle, zum anderen sind beide in dieser Schau anders repräsentiert als gewohnt.

Nun gehen Goldins Exponate nicht derart in Richtung Entspannung wie diejenigen der sonst so kessen Kollegin Rist. Doch kennt man von der US-amerikanischen Fotografin wesentlich garstigere Serien – unvergessen, mit welcher Drastik sie das persönliche Lebensumfeld dargestellt und Themen wie Sex, Gewalt, Krankheit, Tod in den Fokus gerückt hat.

Die neueste Werkreihe, derart umfänglich vordem in Deutschland noch nicht zu sehen, heißt „Scopophilia“, also „Schaulust“, wobei der Begriff hier wertfrei, im Zweifelsfall eher positiv gemeint ist. Nan Goldin hatte die Möglichkeit, in aller Ruhe den Parise Louvre zu durchstreifen, und entdeckte dabei überraschende Parallelen zwischen den dortigen Meisterwerken und eigenen Fotografien. „Scopophilia“ besteht aus entsprechenden Gegenüberstellungen.

Es ist in der Tat erstaunlich, wie selbstverständlich sich Bilder von Dürer, Rembrandt, Ingres und vielen anderen zu Goldins Aufnahmen fügen. „Es geht jeweils um das Elementare, das allgemein Menschliche“, wie Kuratorin Lotte Dinse zu Recht anmerkt. Die Arbeiten werden sowohl in einer Diaschau samt Soundtrack als auch in Form von Diptychen oder Rasterbildern gezeigt, wobei die letztgenannten Präsentationsformen vielleicht noch eindringlicher, weil konzentrierter wirken.

Zuweilen sind die verbindenden Elemente der Gegenüberstellung recht direkt, wenn etwa Goldins Aufnahme zweier kuschelnder Damen im Bett neben Courbets gemalter Version derselben Szenerie aus dem Jahre 1866 erscheint. Die Korrespondenzen können aber auch subtiler sein: Hier ist es eine Gesichtsform, dort ein Lächeln, wieder woanders die leicht feminine Ausstrahlung eines jungen Mannes. Und im Tableau der Odalisken zeigt sich, dass hingegossene Körper in mannigfacher Form und unabhängig vom Entstehungsdatum ihre Reize haben können.

Ergänzt wird die Goldin-Schau durch ältere so genannte „grids“, auch dies Rasterbilder, allerdings zu unterschiedlichen Thematiken. Das können leere Räume in Bars und Bordellen sein, wo sich der Betrachter das Menschenarsenal hinzudenken muss, oder Kinderfotografien, die um Unschuld und deren Verlust kreisen – das tänzelnde Mädchen im weißen Kleid ist ebenso vertreten wie das Kind im Militäroutfit mit Tarnfarbe im Gesicht. Wer sich über die nebelhaften Darstellungen in der Körperserie „Shape Shifting“ wundert, sollte wissen, dass Goldin hier eine Freundin in der Sauna fotografiert hat – wenn die Form der einzelnen Szenen an ein Guckloch erinnert und Assoziationen in Richtung Voyeurismus hervorruft, scheint das durchaus beabsichtigt.

Als ganz leichte Kost geht diese Ausstellung in Hannover letztlich eben doch nicht durch.

Bis 27. September in der Kestnergesellschaft Hannover. Öffnungszeiten: Di.-So. 11-18 Uhr, Do. 11-20 Uhr.

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