Schwitters-Expertin des Sprengel-Museums in Hannover veröffentlicht die bislang kaum erforschte Sammelkladden des Dadaisten

Gehirn geklaut

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Mediengruppe Kreiszeitung

Hannover - Von Jörg Worat. „Gehe ins Irrenhaus lieber Curt, denn das Publikum behauptet Du seiest ins Gehirn geschissen!“ Diese und andere grobe Worte, unterzeichnet mit dem mäßig originellen Pseudonym „Anna Blume“, erreichten Kurt Schwitters brieflich am 17.6.1920. Nun hätte der Künstler das beleidigende Schreiben ja einfach wegwerfen können, doch stand für Schwitters stets die Verwertung vor der Vernichtung. Und was das bedeuten konnte, ist im ersten Teil des auf neun Bände angelegten Projekts „Kurt Schwitters – Alle Texte“ zu verfolgen, der, etwas irritierend, als Band 3 ausgewiesen ist. - Von Jörg Worat.

Vorab: Süffigkeiten wie die „Ursonate“ sind in der Zusammenstellung „Die Sammelkladden 1919-1923“ nicht zu erwarten, tatsächlich stammt hier sogar kaum etwas Textliches aus der Feder des „Merz“-Künstlers selbst, der 1887 in Hannover geboren wurde und 1948 im englischen Exil starb. Vielmehr sammelte Schwitters in seinen Notizbüchern Briefe, Kommentare von Ausstellungsbesuchern oder Zeitungsartikel und stellte sie, wie üblich die Trennung zwischen Kunst und Leben negierend, nach den ureigenen Kriterien zusammen. Die Herausgeberinnen Isabel Schulz, Leiterin des Kurt Schwitters Archivs im hannoverschen Sprengel Museum Hannover, und Ursula Kocher, Professorin für Allgemeine Literaturwissenschaft an der Bergischen Universität Wuppertal, haben sich dieser bislang kaum erforschten Kladden angenommen. Die wissenschaftliche Bearbeitung stammt von Julia Nantke und Antje Wulff.

Gewiss ist der gut tausendseitige Klotz, zumal angesichts des ansehnlichen Preises, weniger für den Normalverbraucher geeignet, doch einigen Erkenntnisgewinn bringt er schon. Dazu gehören indes nur bedingt die in ihrer Häufung etwas ermüdenden Beschimpfungen durch Schwitters-Feinde, die dem Künstler ziemlich regelmäßig die Einweisung in eine Nervenklinik empfehlen. Diesbezüglich ist das Gästebuch der Hildesheimer Schwitters-Austellung im Jahre 1922 besonders ergiebig: Obwohl die Schau offenbar auch die naturalistischen und expressionistischen Arbeiten des Künstlers repräsentierte, schossen sich die Besucher gern auf die Collagen aus Materialien aller Art ein. Der Eintrag „plem! plem! Verrückt! Gehirn Geklaut!“ fasst den vorherrschenden Eindruck ganz gut zusammen.

Unter die Briefe mit ähnlichem Tenor mischen sich auch ernst gemeinte Anfragen. „Ist das was Sie wollen die Konsequenz alles Umwertens dessen, was ist?“ fragte in leicht verschwurbelter Formulierung Herr Emil Hopfgarten nach der Lektüre der „Anna Blume“. Erich Eisenbach gestand in gleichem Zusammenhang: „Die mir unverständlichen Worte wollen mir nicht aus dem Sinn.“ Und am souveränsten reagierte vielleicht die 15-jährige Sophia Falk, die Schwitters ein eigenes Kunstwerk schickte: „Das Bild entspricht (meiner Meinung nach) wirklich Ihrem Gedicht. Sie brauchen nämlich nur das Bild von der anderen Seite gegen das Licht halten, und Anna Blume ist ,von hinten wie von vorn’.“

Souverän auch Schwitters’ eigener Umgang gerade mit den Anfeindungen: Wie er aus materiellem Müll etwas Konstruktives zu schaffen wusste, so auch aus dem verbalen – „Kritiken. Spezialhaus für Abfälle“ nannte der Künstler aus gutem Grund eine seiner Zusammenstellungen. Schön daher, dass der Band neben Texten und Kommentaren auch einen Bildteil enthält, der die Kladden sinnlich erfahrbar macht.

Inhaltlich besonders interessant mögen schließlich für manche Insider Texte sein, die sich mit dem Zwiespalt zwischen Dada und Merz befassen – wenn der Bürgersohn Schwitters auch sicherlich Sympathie für die antibürgerliche Einstellung der Kollegen hatte, missfiel ihm doch deren zynisch-nihilistischer Ansatz. Um so bemerkenswerter zu lesen, wie der angebliche Intimfeind Richard Huelsenbeck artige Komplimente zu drechseln wusste, während Schwitters selbst in einem Briefentwurf Raoul Hausmann zwar seiner bekannten persönlichen Zuneigung versichert, aber auch klar auf Distanz geht: „Du bist kräftig, aber Dein Stil ist nicht mein Stil, und Deine Ansicht von meiner sehr verschieden.“

Und wer Weisheiten in gebündelter Form schätzt, wird bei einem Brief von Schwitters’ Ehefrau Helma an einen unbekannten Adressaten fündig: „In Abwesenheit meines Mannes, der auf längere Zeit verreist ist, möchte ich Ihnen antworten“, heißt es da. „Mein Mann will dasselbe, was alle Künstler wollen, soweit sie überhaupt etwas wollen und nicht einfach müssen, nämlich Kunst.“

Kurt Schwitters - Die Sammelkladden 1919-1923 (de Gruyter Akademie, 1075 Seiten, 149,95 Euro)

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