Uraufführung an den Hamburger Kammerspielen: Boris Aljinovic in „Elling und die Begegnung der dritten Art“

Schwingungen an der Würstchenbude

Resozialisierung auf Probe: Peter Theiss und Boris Aljinovic in „Elling und die Begegnung der dritten Art“.

Von Rainer BeßlingHAMBURG (Eig. Ber.) · Manchmal hat er das Gefühl, allein er müsse alles zusammenhalten: die Erde, das Universum, die eigene Welt. Eine Herkulesaufgabe, vor allem die Last, den Kitt zu finden für das eigene Leben, wenn die Konfektionsangebote fürs Dasein nicht locken, die Fragen an die Wirklichkeit zu klar ausfallen, die eigene Identität aber auf den Flügeln der Dichtung entschwebt.

Da bleibt das, was für gewöhnlich Alltag heißt, schon mal liegen. Entsprechend sieht die Wohnung von Elling aus. Mülltüten, Essensreste, Möbel verrückt und über Kopf, dreckige Kleidung an Stühlen und Schranktüren geflaggt, Katzenkacke im Abfalleimer und das tote Tier gleich mit entsorgt. Ein Bett lehnt hochkant an der Wand, Hinweis auf die Vorgeschichte, an die die neueste bitter-komische Bühnenepisode um den Neurotiker aus Norwegen anschließt.

„Elling und die Begegnung der dritten Art“ heißt das Stück, das der filmisch erprobte Axel Hellstenius nach dem Roman von Ingvar Ambjörnsen für die Bühne einrichtete und Michael Bogdanov in einer kurzweilig schnellen Szenenfolge mit raschen Schnitten und pointierten Dialogen inszenierte. Das Premierenpublikum feierte die Uraufführung mit Boris Aljinovic, der die Lieben und Leiden der Titelfigur vielschichtig ausleuchtete und Macken des mütterlich traumatisierten Frauenfahnders, des Beziehungskrüppels zwischen Nähelust, Lustsog und Berührungsphobie prägnant vorführte.

In seiner vermüllten Sozialwohnung hat Elling vor einiger Zeit noch zusammen mit Kjell Bjarne (Peter Theiss), einem ehemaligen Mitpatienten aus der Psychiatrie, Resozialisierung geprobt. Während der Freund inzwischen in eine Beziehung gestolpert ist, gibt Elling den Denker, abgebrochenen Dichter und erfindet sich bei Nachfrage als Statist in Dokumentarfilmen. Die mit Situationskomik und Wortwitz prall gefüllte Handlung führt die beiden Ex-Irrenhäusler aber bald wieder zusammen. Kjell ist von Freundin Reidun rausgeschmissen worden, weil sie in seiner Werkzeugkiste Pornofilme gefunden hat, von Elling ausgeliehen.

Sexstreifen sind das Erfahrungs- und Anschauungsmaterial, aus denen das Muttersöhnchen Elling und der besessene Wurst- und Bumsfan ihr Bild vom anderen Geschlecht stricken. Kein Wunder, dass für sie als Spitzen- und Grenzfälle eines durchaus verbreiteten Männerproblems die Kontaktnahme mit Frauen als eine „Begegnung der dritten Art“ ausfällt. Im neuen Stück ist nun Elling dran, ausgerechnet mit einer Wurstverkäuferin, der höchst sympathischen und spirituell empfindsamen Lone (wendig und überzeugend in der Doppelrolle Reidun/Lone Imke Trommler) anzubandeln. Als er feststellt, dass diese in einem Buch über Ufos liest, eignet sich der begnadete Geschichtenerzähler Erfahrungsberichte über die Landung von Außerirdischen an. Sogar der zwischenzeitlich von einem Schlaganfall hingestreckte Sozialarbeiter Frank Asli (Hans Schernthaner) bekommt im Lügengespinst des vermeintlich von Außergalaktischen Bereisten eine Rolle als Verschwörungsopfer.

Der Besuch bei der Angeschwärmten und deren Tante, beide in einem esoterischen Zirkel unterwegs und für kosmische Schwingungen zugänglich, mündet in der Katastrophe: Die wohlgeformte Tante Elise (Carolin Fortenbacher) mutiert in den Augen des Porno-Experten Elling zur Domina, das Esoterik-Kränzchen zum Swinger-Club und die Hot-Dog-Fachfrau muss sich wüste Beschimpfungen anhören.

Nun sehen wir am Schluss einen geläuterten Antihelden, der sich selbst zurück in die Psychiatrie einliefert, der die Pornos und das Bild der Mama entsorgt, der wieder das Dichten, nun aber im Sinne poetischer Bemühungen anfangen will. Müssen wir also Abschied nehmen von einem lieb gewonnen Chaoten, der in seinem unbestechlichen Blick, seiner Unfähigkeit zu vergessen und zu verdrängen, der mit seiner ungeschminkten Beziehungsbehinderung so schön den alltäglichen Wahnsinn spiegelt? Wäre doch schade, wenn der in der Darstellung von Melancholie und Misanthropie, in der Mischung von Komik und Tragik so begnadete Boris Aljinovic nicht weitermachen könnte. Was zuversichtlich stimmt, ist die Ankündigung, dass Elling künftig ganz er selbst sein will. Das könnte wieder was werden.

(Vorstellungen bis 13. Februar)

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