Treibende Melodielinien ohne einen Hauch von gefühligem Ballast: Gründer der „Dire Straits“ erzählt in der Stadthalle Geschichten des Alltags

Schwingende Bögen und schneidende Riffs: Freibeuter Knopfler in Bremen

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Mark Knopfler ·

Bremen - Von Rainer BeßlingSeine Musik begleite Menschen beim Sex und beim Sterben, sagte Mark Knopfler unlängst in einem Interview. Auch als Kulisse beim Autofahren funktioniere der erdige, aufs Wesentliche reduzierte Sound des Schotten großartig, stellte ein Kritiker fest.

Aber auf der Bühne? Spricht nicht die personifizierte Scheu des Pop-Stars wider Willen gegen ein funktionierendes Hallen-Event? Ganz und gar nicht, wie das Publikum jetzt in der Stadthalle Bremen erleben konnte.

Sieht man Knopfler live inmitten von Musikern, die ihn schon länger auf Tourneen und bei Einspielungen begleiten, erlebt man einen Vollblut-Künstler, der in perfekt gebauten Song-Formaten Rares wie aus dem Augenblick heraus entstehen lässt: suggestive und treibende Melodielinien ohne einen Hauch von gefühligem Ballast. Man erlebt einen offenbar in sich ruhenden gereiften Mann, der in der Tradition seiner Heimat vokal und instrumental Geschichten vom Alltag erzählt – und der dabei das gitarristische Phrasierungsspektrum von der Ballade bis zur Rockhymne stilsicher beherrscht: weit schwingende Bögen ebenso wie schneidende Riffs auf klassischem Material wie Gibson und Fender.

Seit er sich von seiner global ungemein erfolgreichen Band Dire Straits verabschiedet hat, verfolgt Knopfler eigene musikalische Wege. Die Ergebnisse fielen naturgemäß unterschiedlich aus. Anfangs bedurfte es einiger Gewöhnung, sich in die verschiedenen musikalischen Sprachen einzuhören, die kein Markenzeichen mehr bedienen wollten. Auf seinem jüngsten Album „Privateering“, das eine Europa-Tour mit 72 Konzerten in gut drei Monaten promotet, versammelt Knopfler nun in historisch informierten Versionen alle jene Einflüsse, die ihn von Beginn an wesentlich geprägt haben: Keltische Musik, reels and roots, den ursprünglichen US-amerikanischen Blues, der in einem Stück wie „Gator Blood“ als treibende archaische Energie auftritt.

Den Folk neben dem Blues als wesentliches Basiselement für den Rock in wiederum ganz eigenständigen Songs zu würdigen und dabei Country-Sentimentalität und -Trivialität auszublenden, das gelingt kaum jemandem überzeugender als Mark Knopfler. Mit „I Dug Up a Diamond“ präsentierte er den begeisterten Bremer Zuschauern ein Stück, das er mit Emmylou Harris gecovert hat.

Frenetisch wurde der Jubel nach alten Dire-Straits-Hits wie „Romeo and Juliet“, „Sultans of Swing“, „Telegraph Road“ und „So Far Away“. Aber auch das Material von „Privateering“ wie „Corned Beef City“, „Haul Away“ oder der Titelsong selbst sind großartige Kompositionen in ausgefeilten Arrangements, die nicht nur dem mit Melancholie getränkten solistischen Minimalismus Knopflers dienen, sondern auch etwa in „Marbletown“ Platz lassen für leises filigranes Zusammenspiel der exzellenten Sidemen. Ian Thomas an den Drums, Bassist Glenn Worf, Pianist Jim Cox, Gitarrist Richard Bennett, Multiinstrumentalist Guy Fletcher boten eine perfekte, nie mechanische Rhythmus- und Harmoniearbeit, während Michael McGoldrick und John McCusker auf Flöten und Violinen die traditionellen Folkfarben beisteuerten. „Privateering“ heißt im übrigen „Freibeuterei“, und hier und da klingt durch das neue Album auch ein seemännisches „Yo Ho Ho“. Das Cover des Albums zeigt einen alten Van, den bildhaften Bandbus des Freibeuters Knopfler, der den Schutzraum der Rockmusik dazu nutzt, das romantische Ideal der Selbstfindung im musikalischen Ausdruck zu verwirklichen.

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