Screen Spirit Nr. 12: Rimas Sakalauskas‘ Video „Synchronisation“ in der Städtischen Galerie Bremen

Schwindel und Schwebkraft

Rotierende Altbauten: Still aus „Synchronisation“.

Von Rainer BeßlingBREMEN (Eig. Ber.) · Die Arbeit an seinem Film begann Rimas Sakalauskas ohne eine konkrete Idee. Er wusste nur, dass es um große statische Objekte gehen sollte, vielleicht um Gebäude. Ein solcher Gedanke liegt im litauischen Vilnius nicht fern. Monumentalbauten der Sowjet-Ära prägen mancherorts den Blick und stellen den Horizont zu.

Unspektakulär wie der Schaffensprozess startet auch das Video „Synchronisation“, derzeit zu sehen im Foyer der Städtischen Galerie Bremen. Eine Spielplatzszene in einem Vorort mit vertrauten Akteuren: Kinder plus Aufsicht beim Schaukeln, Rutschen und Buddeln. Doch dann fängt die Standkamera am Rand der stillen Totalen eine beunruhigende Bewegung ein. Langsam, kaum merklich, vom Spielplatzpersonal offenbar nicht bemerkt, aber mit beängstigender Stetigkeit löst sich ein Klettergerüst vom Boden. Wie von einem Wirbelsturm mitgerissen, hebt es ab.

Mit der Gebäude-Idee als filmisches Leitmotiv im Kopf begann Sakalauskas, in Industriegebieten zu fotografieren. Er legte ein Archiv von Ansichten verlassener Fabriken, verschiedenster Brücken, Antennen und Schornsteine an. Und dabei stellte sich intuitiv der Gedanke ein, die schwere auskragende hochstrebende Architektur rotieren und schweben zu lassen. Lust am technischen Spiel und der digital gestützten Überwindung der Schwerkraft? Spaß an der Entsorgung steinerner Zeugen einer vergangenen Epoche? Eine elementare Freude am Schwindel, mit dem die Kindheit und die eingenommenen Speisen grüßen?

So allmählich sich das Gerüst in „Synchronisation“ auch löst, die Künstlichkeit des Vorgangs wird nicht hinter illusionistischer Augentäuschung versteckt. Noch stärker wird die Zauberkraft der Bildbearbeitung augenfällig, wenn wie im Chor immer mehr Gebäude an immer surrealer wirkenden Orten ihren Zusammenhalt und ihre Stabilität verlieren und den Weg nach oben antreten. Dennoch mindert das Wissen um die Konstruktion nicht den Sog, dem das Auge ausgesetzt ist und der eine Mischung aus Unbehagen und Faszination in den Körper des Betrachters pflanzt.

Der Schwarm aus Gebäudeteilen löst sich immer mehr vom Boden und Erdgeschehen. Bauelemente fügen sich im Strudel zu neuen Gebilden, entfernen sich und bleiben zugleich als bedrohliche Schattenspur der Alltäglichkeit präsent. Die Kamera nimmt das Publikum mit in die Höhenwelt. Die Mischung aus Kindertraum und ausgewachsenem Alptraum hält an. Die pochende Langsamkeit von Bildern schwebender Schwere findet in der Plastizität und Räumlichkeit des minimalistischen Soundtracks von Mykolas Natalevicius einen idealen Mitspieler.

Ein Spiel um Virtualität und Vertigo, das Imagination und reales Körpergefühl in großer Einmütigkeit auftreten lässt. (bis 18.7.)

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