Videokunst-Förderpreis Bremen: Preisträger in der Galerie der Gegenwartskunst

Schwarzer und Weiße

Bremen - Von Rainer BeßlingDigitale Technik hat unser Auge an die gewagtesten filmischen Effekte gewöhnt. Dass Akteure die Schwerkraft aushebeln, dass sich Gebäude bewegen, ist Kino-Alltag.

Insofern wirkt die rotierende Scheune in Kriss Salmanis Video „Moving Landscape“ erst einmal wenig spektakulär. Der Jury des 19. Videokunst Förderpreises Bremen gefiel jedoch gerade der Low-Tech-Charme der Inszenierung: Auf einer selbstgebauten Konstruktion, per Hand betrieben, dreht sich das Haus langsam und stört rustikal und gemächlich die sanfte, ruhige lettische Landschaft auf. Parallel zur kreisenden Scheune verändern sich das Licht im Tagesverlauf und das Wetter.

Also doch was los in der baltischen Einöde? Auch die in sich ruhende, vermeintlich langweilige Natur samt öder Bebauung hält eine eigene Dramaturgie, einen vitalen Kreislauf bereit, könnten wir daraus schließen. Der Blick muss nur entsprechend sensibilisiert werden für die minimalen Bewegungen, entschleunigt und entwöhnt. Wenn organischer Puls den Menschen schon nicht (mehr) bewegt, dann müssen die ruhenden Bilder mobilisiert werden.

Dass die bewegte Scheune Kenner lettischer Folklore an ein Hexen-Märchen erinnern könnte, verleiht dem Film eine weitere erzählerische Schicht. Die Anknüpfung an die eigene kulturelle Tradition ist für das lange Zeit besetzte Land, für die befreite, in Europa aber nicht nachhaltig erfolgreich angekommene Nation ein zentrales Thema.

Salmanis‘ Arbeit ist zur Zeit in der Bremer Galerie für Gegenwartskunst von Barbara Claassen-Schmal zu sehen. Zusammen mit Johanna Domkes „Untitled – Epilog“, dem Werk der 1. Preisträgerin des 19. Videokunst Förderpreises Bremen. Die Besonderheit des Wettbewerbs besteht darin, dass Konzepte ausgezeichnet werden. Die Preisgelder sollen bei der Realisierung des Entwurfs helfen. Die 1978 in Kiel geborene Künstlerin reichte ein Konzept ein, dass an die Erfahrung eines gescheiterten Arbeitsvorhabens anknüpft. Eine geplante Regie-Kooperation mit einer senegalesischen Künstlerin zerbrach an kulturell bedingt unterschiedlichen Auffassungen.

In der nun realisierten Videoinstallation repräsentieren ein schwarzer Mann und eine weiße Frau schon in der Figurenkonstellation ein mögliches Konfliktpotenzial. Auf sieben Monitoren entwickelt sich eine Geschichte, die von zunehmenden Spannungen in der Kommunikation zwischen dem Paar erzählt. Die Präsentation verweigert einen einfachen linearen Ablauf.

Der Blick des Besuchers fällt auf manche Gesten, Mienen, verfängt sich an kleinen Sequenzen, wandert an den einzelnen Monitoren vorbei und schnappt Momente von ruhigem Austausch ebenso wie von offenbar eskalierenden Konflikten auf. Man kann per Kopfhörer das Gespräch be Zwischen Film

und Video-Kunst

lauschen. Die Szenerie gleicht einem Kammerspiel. Domke lässt die Schauspieler in einem Tonstudio agieren, das dem Geschehen einen hermetischen Grundzug verleiht. Die Protagonisten wirken tendenziell wie Eingeschlossene, die zur Interaktion gezwungen sind. Das Ganze pendelt zwischen Modell und möglicher Wirklichkeit.

Die Kommunikation entwickelt sich von der behutsamen Annäherung und einem tastenden Kennenlernen zur handfesten Auseinandersetzung. Die Ereignisse scheinen geprägt zu sein von Projektionen, die bei der Begegnung verschiedener Kulturen wirksam werden, die uns als Betrachter leiten und die das Medium technisch ausmachen.

Johanna Domke bewegt sich mit ihrer preisgekrönten Arbeit zwischen Bildender Kunst, Bühne und Film. Insofern schwingt in der Installation auch eine Genre-Konflikt mit, der sich als produktiv und vielleicht auch repräsentativ für die aktuelle Video-Szene erweist. Galten Theater-Verwandtschaft und die Nähe zum narrativen Film lange als verpönt in der Kunst, trifft man seit einiger Zeit immer häufiger auf Geschichten. Domke selbst will demnächst das Regiefach erlernen. Und aus der insgesamt 90-minütigen Monitor-Stationen-Folge „Untitled – Epilog“ soll ein richtiger Film werden.

Zur Eröffnung der Ausstellung wurden die ausgezeichneten Konzepte des 20. Videokunst-Förderpreis-Jahrgangs vorgestellt. Der mit 5 000 Euro dotierte Hauptpreis geht an die Thüringer Künstlerin Susann Maria Hempel, den zweiten Preis (1 500 Euro) erhalten Kornelia Hoffmann und Eugenia Gortchakova.

19. Videokunst Förderpreis Bremen. Preisträger-Ausstellung,

Galerie für Gegenwartskunst, Bremen, Bleicherstraße 55.

Bis 13. Januar 2012

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