Dramatik wie am Roulette-Tisch: Neues über den „Spieler“ Friedrich Schiller

Schwarzer Tod statt rote Liebe

Kreiszeitung Syke
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Syke - Von Johannes BruggaierHätte alles seine Ordnung, müsste die Nation allsamstäglich um halb vier Uhr nachmittags Friedrich Schillers gedenken.

Denn worauf sollte der kultivierte Bundesliga-Kick sonst beruhen als auf des Dichters legendärer Erkenntnis, der Mensch sei „nur da ganz Mensch, wo er spielt“? Schiller hat das Spiel gewiss nicht erfunden, doch ohne seinen ästhetischen wie dialektischen Überbau stünde es wohl bis heute im Schatten der christlichen Sündenlehre. Mit Schiller hat das Spiel einen kulturellen Wert erhalten. Spielen gilt als Nachvollzug und Vorausplanung gesellschaftlicher Konflikte, als Einübung moralischer Werte, mitunter auch als Ventil für die niederen Triebe des Menschen.

„Schiller, der Spieler“ lautet der Titel eines Buches, das jetzt im Wallstein-Verlag erschienen ist. Zu finden ist darin so manche interessante Erkenntnis aus der aktuellen Schiller-Forschung.

In einer systematischen Annäherung an den Spielbegriff unterscheidet etwa Daniel Fulda zwischen strategischen und ästhetischen Formen. Ästhetisch spielt, wer etwa auf einer Theaterbühne das Als-Ob kultiviert. Während der Stratege seine Verstellung aus Gewinn- und Machtstreben betreibt. Bei Schiller trifft beides zusammen: Das Strategische offenbart sich im Ästhetischen, der gewiefte Feldherr handelt im Rahmen einer theatralen Vereinbarung. Das gilt natürlich insbesondere für die „Wallenstein“-Trilogie, welche von dem Spielmotiv in einer Häufigkeit durchzogen wird, dass man von einem wahren „Spiel-Drama“ zu sprechen geneigt ist. Das scheinbar von äußeren Strategien unbeeinflusste Würfelspiel wird bei Geldeinsatz zu einer taktischen Handlung. Und auch das ästhetische Theaterspiel erhält eine berechnende Dimension, wenn die Verkleidung als Bettlerjunge lediglich dazu dient, etwaigen Spielpartnern als leichtes Opfer zu erscheinen.

Alexander Honold stützt die These eines „Spiel-Dramas“, sieht allerdings nicht allein die Figuren, sondern zuallererst ihren Schöpfer als Spieler: Indem er exakt gleich starke Machtblöcke einander gegenüberstellt, setzt er seine Hauptfigur von Beginn an schachmatt, um sie zu einem gefühlsgeleiteten Entschluss zu zwingen. Wallensteins Anrufung der Sterne deutet er folgerichtig als Show für das Gefolge – eine „quasi-astrologische Selbstlegitimierung“, die auch noch wunderbar in Newtons ballistisches Modell der Himmelsmechanik passt. Hier freilich ließe sich dann doch ein Fragezeichen setzen. Denn die Entscheidungsfindung unter Einsatz himmlischer Kräfte könnte ebenso gut in der Einsamkeit des obersten Befehlshabers begründet liegen: Geht es nicht vielmehr um den Versuch, die letzte Verantwortung nach ganz oben abzuwälzen?

Peter Utz erkennt in Dramen wie „Kabale und Liebe“ und „Maria Stuart“ eine frappierende „Alles oder nichts“-Haltung. Anhand des wiederkehrenden Motivs von Selbstjustiz, etwa bei Ferdinand von Walters Giftanschlag auf seine Geliebte Luise („Kabale und Liebe“) gelangt er zu der ebenso originellen wie treffenden These, wonach Schillers Dramen von „männlichen Gamblern“ bevölkert seien, die sich auf verschiedenen Seiten um den gleichen Spieltisch zum Roulettespiel versammeln: „Statt auf die rote Liebe fällt die Kugel aber schließlich auf den schwarzen Tod.“

Bemerkenswert auch Alexander Košeninas Blick auf den legendären Schauspieler August Wilhelm Iffland, der am Beispiel der „Räuber“-Figur Franz Moor eine Anleitung zum kausalen Rollenverständnis geliefert hat. Für einzelne Posen ließ er sogar Kupferstiche anfertigen, die er mit detaillierten Erklärungen versah.

Der Spieler Schiller bietet nach wie vor unentschlüsselte Schachzüge und raffinierte Finten. Hinter jeder von ihnen verbirgt sich eine Beweisführung menschlichen Verhaltens. Seine Strategien zu studieren bedeutet deshalb, in den dunklen Maschinenraum der Zivilgesellschaft vorzudringen. Mit dem vorliegenden Band wird darin zumindest schon mal ein kleines Licht angezündet.

„Schiller, der Spieler“, hrsg. v. Peter-André Alt, Marcel Lepper und Ulrich Raulff, Wallstein Verlag: Göttingen 2013; 308 Seiten, 29.90 Euro.

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