Der Schwankhalle Bremen gelingt eine starke „Liliom“-Inszenierung / Beklemmendes Kammerspiel

Der tiefe Fall eines gewaltsamen Hallodris

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Julie beweint Liliom: Lina Hoppe und Denis Fischer zwischen Gewalt und Liebe.

Bremen - Von Lars Warnecke. Es war mitnichten immer ein Erfolgsstück, dieser „Liliom“ des Ungarn Ferenc Molnár. 1909 uraufgeführt, gelang es dem Österreicher Alfred Polgar mit seiner deutschsprachigen Fassung, vom Budapester Stadtwäldchen in den Wiener Prater verlegt, erst vier Jahre später das Karussell, bei dem der trotzige Tunichgut Liliom als Ausrufer beschäftigt ist, an Fahrt gewinnen zu lassen. Und dem Stück, eine Melange aus Tragik, Derbheit und komödiantischen Momenten, fehlt es an nichts: eine schrille Kirmes-Atmosphäre, eine zu Herz gehende Liebesgeschichte, ein Raubmord und ja, sogar eine Gerichtsverhandlung im Himmel – das alles klingt nach einem Patentrezept für eine gelungene Theaterproduktion. - Von Lars Warnecke.

Doch es geht auch ganz anders, wie das Regiedoppel Anna Bartholdy und Peer Gahmert mit seiner Inszenierung des altbekannten, und gerade in jüngerer Vergangenheit seltsamerweise wieder vermehrt zur Aufführung gebrachten Stoffes zeigt. So machen sie von den dramaturgischen Zutaten des beginnenden 20. Jahrhunderts gar nicht erst Gebrauch.

Das, was sich da in zweieinhalb Stunden auf der Bühne der Bremer Schwankhalle zu einem meisterlichen Kammerspiel entspinnt, beginnt zu aller erst mit ohrenbetäubenden Technoklängen und sich im Strobolicht windenden Leibern. Mittendrin steht Liliom (stark: Denis Fischer), der „Ringelspiel-Rekommandeur“. Auch er tanzt, scheint eine Choreografie zu üben, bewegt dabei geschmeidig seine schmalen Hüften. Die Szenerie ist weder real noch bunt wie Bonbonpapier, sondern bedrohlich, kalt und auf das Wesentliche reduziert. Da bleibt erfrischend viel Raum für die Schauspielkunst des Ensembles. In all dem Getöse beginnt ein Streit, der in einer wüsten Schläger gipfelt. Für zwei junge Frauen wird ein Platzverbot verhängt, da sie sich von Liliom haben „abtatschen“ lassen. Julie (Lina Hoppe), die unscheinbarere der beiden, will mit dem Angeber und Aufschneider zusammen sein. Die erste Annäherung der beiden über die Distanz von Bühnenrand zu Bühnenrand ist erstes und bei weitem nicht einziges Glanzlicht des Abends. Obwohl Liliom abweisend, schroff und bisweilen gewalttätig zu Julie ist, scheint sich aus der Jahrmarkt-Liaison ein gemeinsames Leben zu entwickeln. Sie gesteht: „Ich werde ein Kind haben.“ Liliom will für Frau und Kind sorgen und deshalb einen Raubüberfall begehen. Der Plan misslingt. Um sich der irdischen Gerichtsbarkeit zu entziehen, begeht er Selbstmord. Aber er bekommt eine zweite Chance. Nach 16-jähriger Bewährung darf er für einen Tag auf die Erde zurückkehren und sich der inzwischen halbwüchsigen Tochter und seiner Frau als liebesfähig beweisen. Doch er versagt. Wie früher Julie, schlägt er nun die Tochter. Als „Ringelspiel“-Ausrufer hätte er wissen müssen: Ein Karussell gelangt nie ans Ziel, es dreht sich lediglich im Kreis.

Es ist nicht nur eine sorgfältige Detailarbeit, die diese Inszenierung so sehenswert macht, sondern ebenso – und vor allem – die präzise Personenregie. Da sitzt jede Bewegung, jede Geste und jeder Blick.

Denis Fischer zeigt als Liliom vollkommen unspektakulär jene sanfte Verletzlichkeit, die hinter dem Hallodri steckt, der seine Geliebte schlägt. Und der 27-jährigen Lina Hoppe gelingt als Julie ein sagenhaft gutes Spiel aus Unterwerfung und Bestimmtheit. Auch die weiteren Rollen sind mit Martin Leßmann Tim Gerhards, Carsten Sauer, Lukas Zerbst Marion Gretchen Schmitz, Claus Franke und Jacky Ballon gut besetzt – bis hinein in die Nebenrollen, was Angela Weinzierl als völlig überdrehte Karussell-Kommandantin Frau Muskat ganz großartig beweist. Zur Belohnung gibt es langen Beifall vom Premierenpublikum.

Weitere Spieltermine von „Liliom – Eine Vorstadtlegende“ sind am 20., 21. und 22. März sowie am 2., 3., 5., 16., 17., 24. und 25. April, jeweils um 20 Uhr, in der Schwankhalle Bremen, Buntentorsteinweg 112.

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