Zum Schtetl hinaus

Stadttheater Bremerhaven bringt Joseph Roths Roman „Hiob“ auf die Bühne

Starkes Ensemble mit Herz: Henning Bäcker (Rabbi, v. l.), Max Roenneberg (Schemarjah), Marc Vinzing (Jonas), Frank Auerbach (Mendel Singer), Elif Esmen (Mirjam) und Naemi Latzer (Menuchim). - Foto: Manja Herrmann
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Starkes Ensemble mit Herz: Henning Bäcker (Rabbi, v. l.), Max Roenneberg (Schemarjah), Marc Vinzing (Jonas), Frank Auerbach (Mendel Singer), Elif Esmen (Mirjam) und Naemi Latzer (Menuchim).

Bremerhaven - Von Rolf Stein. Es ist eine große Welt, in der die Kleinfamilie Singer lebt. Sie weiß es nur nicht. Zunächst zumindest. Das kleine galizische Dorf Zuchnow, in dem der Thoralehrer Mendel Singer mit seiner Familie lebt, es wird den Söhnen bald zu klein.

Thomas Oliver Niehaus, der in Bremerhaven schon einige bemerkenswerte Inszenierungen verantwortet hat, bestreitet mit „Hiob“ im Großen Haus des Bremerhavener Stadttheaters den Auftakt eines Spielzeitschwerpunkts zum Thema Migration. Mendel Singer und die Seinen reisen schließlich über Bremerhaven in die USA aus.

„Hiob“ von Joseph Roth, erstmals 1930 erschienen, ist Stammgast auf deutschen Theaterbühnen, nicht zuletzt wohl dank Koen Tachelet, dessen Fassung in den vergangenen zehn Jahren von Graz bis Oldenburg, von Hamburg bis Essen gespielt wurde.

Und das ist ja beinahe ein bisschen eigentümlich. Denn zwar mag man darin mit Recht eine Mahnung vor dem Krieg entdecken, aber die Verheerungen des Zweiten Weltkriegs und des Holocaust stehen erst bevor. Wobei es gewiss für ein Menschenleben reicht, was Singer dulden muss. Der jüngste Sohn Menuchim kommt beeinträchtigt auf die Welt, kann nur ein Wort sprechen: „Mama“. Ein Sohn stirbt im Krieg, die Tochter endet im Irrenhaus. Schemarjah immerhin holt die Eltern nach in die Neue Welt. Aber das bedeutet, dass Mendel Singer auch noch die Heimat verliert.

Schließlich stirbt auch Schemarjah im Krieg. Deborah, Singers Frau, geht vor Kummer zugrunde. Lange erträgt Frank Auerbachs eindrucksvoll zunächst ertragender, später zweifelnder Mendel Singer all die Wechselfälle und Schicksalsschläge – eher griesgrämig als gleichmütig. Bis es ihm, wie dem legendären Hiob, zu bunt wird. Er entsagt Gott, der Teufel sei gütiger als jener. Und es benötigt schon ein Wunder, dass Singer zurück zum Glauben findet.

Niehaus gibt Roths Geschichte dabei viel Raum zum Atmen. In Geelke Gayckens (auch Kostüme) klar strukturiertem und effektiv reduzierten Bühnenbild sowie zu einer behutsam die Spannung verstärkenden Musik von Patrick Schimanski entwickelt der Abend einen langsamen, aber eindringlichen Puls, der diesen „Hiob“ über seine beinahe zweieinhalb Stunden trägt. Was freilich auch dem Ensemble zu verdanken ist. Isabel Zeumer muss hier zweifellos als erste genannt werden, wie sie der Deborah Dringlichkeit verleiht, dieser Frau, die im Grunde noch mehr wegzustecken hat als ihr Gatte. Geschweige denn, dass sie ein Wunder rettete.

Die Figur, die jenes Wunder verkörpert, lässt schon mit ihrem ersten Auftritt ganz zu Beginn des Abends keinen Zweifel daran, wie zentral sie im Verlauf sein wird: Gast Naemi Latzer verleiht Menuchim virtuos eine ergreifende Körperlichkeit.

Elif Esmen als lebenshungrige Mirjam, Max Roenneberg als smarter Schemarjah, Marc Vinzing als draufgängerischer Jonas und Henning Bäcker, der gleich eine ganze Reihe von Rollen zu bewältigen hat, agieren hier allzeit auf der Höhe des Geschehens. Und das ist angesichts der bisweilen doch recht undramatischen Spielvorlage alles andere als selbstverständlich.

„Ich will die Welt begrüßen“, sagt Mendel Singer am Ende. Das Licht geht aus. Lang anhaltender Beifall für einen Abend, der sich allzu schnellen Schlüssen verweigert. Gottlob, ist man da beinahe versucht zu sagen.

Weitere Vorstellungen: Samstag, 6. Oktober, Samstag, 13. Oktober, Freitag, 19. Oktober, Donnerstag, 25. Oktober, Sonntag, 28. Oktober, jeweils 19.30 Uhr, Stadttheater Bremerhaven.

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