„Die Nacht“: Zeitgenössische Malerei zu einem klassischen Thema in Delmenhorst

Schrecken und Schutz

Karin Kneffel: 2007/25. Öl auf Leinwand

Von Rainer BeßlingDELMENHORST (Eig. Ber.) · Trübes Restlicht fällt in ein schmutzig-schreckliches Verlies. Ein Vulkan speit rote Glut in den Nachthimmel. Ein Vampiren gleicher Schatten bedroht eine gequälte Justitia. Monströse Figuren zeugen von einem dunklen Drogen-Tripp.

„Die Nacht“ hat Einzug gehalten in der Städtischen Galerie Delmenhorst. 35 Werke von zehn Künstlerinnen und Künstlern dokumentieren die Kontinuität des traditionsreichen Sujets in der zeitgenössischen Malerei.

Seit 2001 beleuchtet die Delmenhorster Galerieleiterin Barbara Alms in Themenschauen und Einzelausstellungen den Ertrag aktueller figürlicher Malerei. Künstler der Reihe sind nun erneut der Einladung aus Delmenhorst gefolgt und steuern eigens für das jüngste Projekt der Städtischen Galerie gefertigte Bilder bei.

Das Nachtstück stellt seit Jahrhunderten eine besondere künstlerische Herausforderung dar. Im Dunkeln herrscht keine Blindheit, Dämmerung schärft den Blick und reichert die Palette der Zwischentöne an. Manche Kontraste und Übergänge sind erst jenseits der Schweinwerfer zu erkennen.

So bieten etwa Karin Kneffels durch schwachen Lampenschein ausgeleuchtete Nachtbilder einen malerisch hinreißenden Eindruck von der magischen Präsenz sich selbst überlassener Natur im Dunkel und Schattenwurf. Ein floraler Vorhang steht als Schwelle zwischen drinnen und draußen, Oberfläche und Tiefe, im materiellen und metaphorischen Sinn. Auch Hartmut Neumanns pflanzliche Konstrukte entfalten ihre künstliche Farbigkeit im Wechselspiel mit geheimnisvoller, stofflicher, vielschichtiger Schwärze.

Nachtbilder spiegeln aber nicht nur malerische Delikatesse in Modellierung und Farbklang. Sie schildern nicht nur die physische Erfahrung realer Nacht, sondern loten auch allegorisch die „Nacht seite“ des Menschen aus. Seit der Romantik begleitet deren Erkundung das Erhellungsprogramm der Aufklärer. Spätestens seit Freud kann auch der hartnäckigste Advokat der Vernunft nicht mehr über die schwer greifbare Macht des Verborgenen hinwegsehen.

Norbert Schwontkowski lässt eine Figur auf einem archaischen Einbaum in einem trüben Gewässer stochern. Der Schein eines milchigen Mondes zwischen Hügel- und Wolkensaum spiegelt sich auf dem See. Schlängelnde Pflanzen mischen Perspektive und Proportionen auf. Der Blick des Betrachters taucht tief ab in das tiefgründige, satt geschichtete Großformat. „Die Reisen des Dr. Freud“ nennt der Bremer Maler den nächtlichen Erkundungstörn vor exotischer Kulisse. Von nächtlichem Lichtzauber spricht ein anderes Bild Schwontkowskis: Zwei Gesichter liegen silhouettenhaft am unteren Bildrand, den Blick in einen von Sternen übersähten Himmel gerichtet. Die Augen mischen sich im schwebenden, fließenden Schwarzbraungrau mit Himmelskörpern, eine schöne, zugleich elegische und heitere Bild-Metapher kosmischer und irdischer Symbiose.

„Nacht“ ist nicht nur düstere Kehrseite, nicht nur Schatten und Bedrohung. Sie ist auch das Quellgebiet produktiver Fantasie, wie Thomas Zipp in seinem „Schlaf-Vulkan-Bild“ zeigt. Sie hält Geborgenheit bereit, wie Rosa Loy in ihrem Bild „Abend“ zeigt, wo ein Wolf ein berühmtes Kinderpaar herzt und neben Wein, Kuchen. Decken und Wärmflasche sogar eine Hollywood-Schaukel Wohlsein verspricht. Und die Nacht bietet Schutz, wie Julia Oschatz in ihrer Reihe „Fort Nox“ schildert. In Malerei, Zeichnung, Video und Rauminstallation entwirft sie Fluchtpläne und -fantasien, lässt ein hybrides Wesen durch fantastische Schächte und Tunnel vagabundieren, zwischen Gefängnis und Fluchtweg, Mauerwerk und Höhlen, zwischen einem bedrängenden und einem befreienden Dunkel.

Flucht und nächtliche Fahrt sind auch die Themen von Heribert C. Ottersbach. Seine Bilder schweben fleckenhaft und leerstellenreich zwischen verschiedenen Wahrnehmungswelten und stehen zur malerischen Schwierigkeit mit der Realität und Wirklichkeit. In Abbilder politischer Geschichte sind Lücken und Störfälle der Wahrnehmung eingeschlossen.

Als Katalog-Cover und Ausstellungsauftakt setzt ein Bild von Daniel Richter ein Signal, und es sind weitere Bilder des jungen Maler-Stars, die leitmotivisch auch an anderen Stellen Temperament und Grundhaltung der Präsentation bestimmen. Ein Vogel ähnliches Wesen beugt sich vor bedrohlicher Baumkulisse über ein bleiches Vogel-Skelett. Die Malerei ist Wärmebildern nachempfunden, die Hauptfigur ist von fluoreszierenden Lichtfäden durchwirkt.

In Richters Bildern geht es um die Ambivalenz und Vielschichtigkeit des Nachtthemas, um das Groteske im dunklen Drohpotenzial, um eine ironische Haltung gegenüber den Gestalten des Schattenreichs, um die subjektive Setzung des Malers, der auch beim erhabenen Nachtstück Drastik und Direktheit jeder nuancierenden Feinarbeit vorzieht.

Klares Konzept und sinnliches Erlebnis, Neugier für ein Thema, das in der Luft liegt, und Offenheit für Überraschungen und Abweichler – diesen Eindruck von der Delmenhorster „Nacht“ hatten auch bereits die vorangegangenen Malerei-Ausstellungen hinterlassen.

(Bis 5. April. Katalog, Hachmannedition, Bremen, 19 Euro)

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