Samuel Weiss inszeniert am Hamburger Schauspielhaus Brechts „Baal“ und macht sich dabei über Kehlmann lustig

Und schon wieder ist irgendwer beschmiert

Seine eigene Selbstgefälligkeit findet Baal (Pina Bergemann) zum Kotzen.

Von Johannes BruggaierHAMBURG (Eig. Ber.) · Wenn im Jahr 2026 die Urheberrechte an Bertolt Brechts Gesamtwerk auslaufen, schlagen Deutschlands Regisseure drei Kreuze.

Bis dahin aber wachen Erben des Dichters über die gängige Inszenierungspraxis, und wer „Mutter Courage“ oder „Galileo Galilei“ auf die Bühne bringen will, muss mit Restriktionen rechnen. Glaubt man den Regisseuren, ist hierin die Ursache für den oft so betulich moralistischen Charakter vieler Brecht-Produktionen zu finden.

Im Deutschen Schauspielhaus hat nun Samuel Weiss mit Studenten der Hamburger Theaterakademie „Baal“ einstudiert. Ein Abend, der die Erkenntnis bringt: Entweder haben die gefürchteten Nachlass-Verwalter ihn gar nicht gesehen, oder der vielfach vorgebrachte Verweis auf deren Eingriffe ist nichts weiter als eine billige Ausrede.

Ein etwa zwei Meter hoher grauer Betonblock lastet mächtig auf dem Boden des Malersaals (Bühne: Ralph Zeger). Baal (Pina Bergemann) thront auf ihm im Schneidersitz, intoniert lauthals den „Choral vom großen Baal“. Ein seltsam glamourhaftes Wesen ist dieser Sänger mit seinem Glitzeranzug und hochgestecktem Haar. Seltsam glamourhaft ist auch sein Publikum. „Fabelhaft!“, tönt es ihm von unten entgegen: sieben schräg frisierte Yuppies, die allesamt der Siebziger-Jahre-Disco entsprungen scheinen. Baal, das ist der Künstler in all seiner Grausamkeit. Ein selbstverliebter Tagträumer, der sich in seinen Erfolgen sonnt, seine Misserfolge wehleidig beweint, Gönner schamlos ausnutzt und Freunde verrät. Er ist das bei Brecht, und er ist das bei Samuel Weiss. Bei Letzterem allerdings ist er damit nicht allein. Denn was ihm im Hamburg zujubelt, ist nicht minder egozentrisch und triebgesteuert. Sein schüchterner Fan und Kumpel Johannes (Benedikt Greiner) etwa: Er würde ja gerne mit seiner Freundin Johanna ins Bett. Doch erstens traut er sich nicht recht und zweitens ist sie erst siebzehn. Der große Baal – jetzt von Rüdiger Hauffe gespielt – soll‘s irgendwie richten, soll helfen, das Schäferstündchen zu ermöglichen. Was immer sich Johannes darunter vorgestellt hat: Am Ende landet nicht er an der Seite seiner Angebeteten, sondern natürlich Baal selbst.

Böser Baal? Ach was. Während bei Brecht zwischen Kennenlernen und Geschlechtsverkehr nicht viel mehr liegt als „Guten Tag Herr Baal!“ und „Es freut mich, Sie zu sehen, Johanna!“, lässt Weiss den gehörnten Verlobten zum Augenzeugen einer minutenlangen Anbändelung werden. Angesichts dieser Dreistigkeit seines Dichterfreundes packt Johannes schließlich die Feigheit. Auch strömender Regen hält ihn nicht davon ab, vorzeitig das Weite zu suchen. Selbst schuld.

Die selbstkritische Abrechnung mit dem Wesen des Künstlers gerät in Hamburg zu einem Rundumschlag gegen die kollektive moralische Verwahrlosung. Dass Spa ghettifressen, Blutspritzen und Nacktszenen hierfür als Stilmittel herhalten müssen, findet im Stück selbst seine ironische Brechung: „Warum ist eigentlich immer irgendwer mit irgendwas beschmiert?“, fragen die Darsteller im Chor und karikieren mit diesem Daniel-Kehlmann-Zitat dessen Kritik am Regietheater.

Ein bissiger, wunderbar kompromissloser Zugriff auf den Stoff ist Weiss geglückt. Die szenische Umsetzung durch das darstellerische Personal zeugt derweil von dem hohen Ausbildungsniveau der Theaterakademie: Wenn das die Bühnenkunst der Zukunft ist, muss einem um das deutschsprachige Schauspiel nicht bange sein.

Weitere Vorstellungen: heute sowie am 31. März, jeweils um 20 Uhr im Deutschen Schauspielhaus Hamburg, Malersaal.

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