Schon ganz schön 

Frank Schäfer blickt in die Seele der Niedersachsen

Syke - Von Mareike Bannasch. Ihre Wände sind mit Graffiti beschmiert, sie sind oft heruntergekommen, bieten so gut wie nie Schutz vor der Witterung – und sind dennoch seit Generationen Treffpunkt Jugendlicher. Dort, wo meistens nur der Schulbus hält, kommen sie zusammen, rauchen, trinken und träumen von jenem Tag, an dem sie endlich wegkommen.

Denn wer in der niedersächsischen Provinz aufwächst, hat oft nur einen Gedanken: bloß weg. Auf der Suche nach Abenteuern ziehen sie nach dem Schulabschluss aus in die großen Städte der Republik – nur um eines Tages dann doch wieder zurückzukommen. Kind, Kegel und Provinz vertragen sich eben ausgesprochen gut miteinander. Doch was ist es, was Dörfer und Kleinstädte im Nirgendwo so besonders und vielleicht sogar liebenswert macht? Eine Frage, auf die Frank Schäfer in seinem Buch „Jagdszenen in Niedersachsen“ amüsante Antworten findet, in denen jeder Niedersachse die Orte seiner Kindheit oder Gegenwart wiedererkennen kann.

In von Haltestellen-Fotos unterbrochenen Kolumnen und Gedichten, die zu einem Großteil bereits in der „taz“ oder dem „Neuen Deutschland“ erschienen sind, spürt Schäfer, den es von Hannover nach Wolfsburg, Göttingen, Bargfeld und schließlich nach Braunschweig verschlagen hat, dem Lebensgefühl der Menschen auf dem platten Land nach. Dort, wo Einheimische wie Zugezogene die Frage nach dem werten Befinden mit „Muss ja“ beantworten. Dort, wo man noch immer mit den Leuten von früher befreundet ist – egal, wie bescheuert sie sein mögen. Wer auf dem Land groß wird, kann sich seine Freunde nicht aussuchen, er muss nehmen, was da ist. Das klingt deprimierend und ist es irgendwie auch, zumindest, wenn niemand in der eigenen Altersklasse im Dorf wohnt. Aber in dieser Zwangsgemeinschaft steckt auch ein Vorteil, den Schäfer durchaus nachvollziehbar herausarbeitet: Man lernt, mit den Schwächen anderer umzugehen und sich selbst nicht ganz so wichtig zu nehmen. Eine Lektion, die übrigens auch Zugezogene erwartet – zumindest, wenn sie nicht ewig fremd bleiben wollen.

Schäfer beobachtet aber nicht nur die dörfliche Kommunikation, er ist sogar live dabei, als sich der Gerd von seiner Hillu trennt. Damals, als Schäfer gemeinsam mit einer weiblichen Bekanntschaft ins Sprengel-Museum aufbrach. Natürlich nicht, weil es der Autor so gewollt hätte. Nein, es war die Aussicht auf eine Belohnung zwischen den Laken, die Schäfer in die Ausstellung „Sex & Crime“ trieb. Die geriet ziemlich schnell in Vergessenheit, als Schäfer seinen „aus der Ferne geliebten Landesvater“ im Restaurant des Museums sah – was ihn über eine Boulevard-Karriere nachdenken ließ. „Acker“ stierte an jenem Tag übellaunig vor sich, während Hillu den Tränen nahe schien. Warum? Das lösten die Nachrichten am Abend auf: Niedersachsen hatte ein Traumpaar weniger.

Während sich der Kanzler in den kommenden Jahren über Doris zu So-yeon arbeitete, nutzte Schäfer die Zeit, um mit Kumpels Braunschweiger Fußballderbys unsicher zu machen oder gemeinsam mit anderen Fans zur „Full Metal Cruise“ oder einem AC/DC-Konzert aufzubrechen. Ereignisse, bei denen sich die Niedersachsen zu harten Klängen und Bier einmal mehr versammeln, auf den Rest der Republik blicken und feststellen: schon ganz schön hier. Recht haben sie.

Nachlesen:

Frank Schäfer: „Jagdszenen in Niedersachsen“, Verlag Andreas Reiffer, 208 Seiten, 17,90 Euro.

Das könnte Sie auch interessieren

elona ist da. Ihre lokalen Nachrichten.

Deutsche Mittelgebirge im Winterurlaubs-Check

Deutsche Mittelgebirge im Winterurlaubs-Check

Der tropische Regenwald von Tortuguero

Der tropische Regenwald von Tortuguero

So erschließen sich Ältere die digitale Welt

So erschließen sich Ältere die digitale Welt

Neue Raketenangriffe aus Gaza - Israel tötet Dschihadisten

Neue Raketenangriffe aus Gaza - Israel tötet Dschihadisten

Meistgelesene Artikel

Im barocken Zaubertheater

Im barocken Zaubertheater

Wiedergänger mit Herz

Wiedergänger mit Herz

Ihrer Zeit voraus

Ihrer Zeit voraus

Wahn und Wirklichkeit

Wahn und Wirklichkeit

Kommentare