Henrike Naumann befasst sich im Kunstverein Hannover mit der „Expo 2000“

Schokolade mit Seifengeschmack

Billig-Möbel und ein Porträt von Birgit Breuel – Blick in die Ausstellung von Henrike Naumann im Kunstverein Hannover. Foto: Raimund Zakowski

Hannover - Von Jörg Worat. Irgendetwas scheint hier nicht zu stimmen: Wie kommt eine Ausstellung namens „2000 – Mensch. Natur. Twipsy.“ ausgerechnet in den Kunstverein Hannover? Nun, obwohl der Titel Motto und Maskottchennamen der hannoverschen Weltausstellung enthält, ist dies kein nostalgischer Rückblick: Die Berliner Künstlerin Henrike Naumann nutzt die Expo 2000 vielmehr als einen Schwerpunkt in ihrer Betrachtung gesellschaftlicher, vor allem deutscher Befindlichkeiten.

In Naumanns Rauminstallationen spielen Möbel eine besondere Rolle, was damit zu tun hat, dass die Künstlerin zunächst Bühnenbild in Dresden und Szenografie an der Filmhochschule Babelsberg studierte: „Schon damals hat mich mehr interessiert, Dokumentarfilme auszustatten als den ,Herrn der Ringe‘ oder so etwas. Irgendwann habe ich aber gemerkt, dass ich meine Ansätze am besten in der freien Kunst verwirklichen kann.“

In einem zentralen Werk der Ausstellung ist ziemlich grausliches Billig-Mobiliar postmoderner Prägung mit Artikeln wie „Lux“-Seife kombiniert: „Die war früher immer in den Paketen, die aus Westdeutschland kamen“, sagt die gebürtige Zwickauerin. „Nach der Wende konnten dann alle feststellen, dass diese Seife gar nicht so viel kostete.“

Natürlich ist es kein Zufall, dass die der Installation beigefügten Trauerkränze lilafarben sind: „Das bezieht sich auf die mitgeschickten Milka-Tafeln“, erzählt die auffallend eloquente Künstlerin, „die immer nach Lux-Seife schmeckten.“

Die Möbel selbst sind für Naumann ebenfalls ein Symbol: „1989 war ich fünf Jahre alt und habe natürlich nicht genau verstanden, was da passierte. Ich habe allerdings gesehen, dass überall plötzlich die alten Möbel auf der Straße standen und diese schwarzen Pyramiden in den Wohnzimmern auftauchten.“ In die Installation ist ferner ein Porträt von Birgit Breuel integriert – die Generalkommissarin der Expo 2000 fungierte bekanntlich auch als Präsidentin der Treuhandanstalt und stellt somit eine Art Schnittstelle für Naumanns Thematiken dar. Das orientalisierende Bild war ein Gastgeschenk der Vereinigten Arabischen Emirate; entsprechende Stücke hat Naumann in Zusammenarbeit mit dem „EXPOSEEUM“-Verein, der zahlreiche Materialien zur hannoverschen Weltausstellung bewahrt, immer wieder eingebunden.

Es gibt auch einen Raum mit einer Sammlung von VHS-Kassetten zur Expo – im Kunstverein macht man kein Hehl daraus, dass es gar nicht so leicht war, funktionstüchtige Abspielgeräte aufzutreiben. Und auch Twipsy, das seinerzeit höchst umstrittene Maskottchen der Weltausstellung, ist in voller Größe zu bewundern. Naumann hat sich einst selbst ein entsprechendes Kostüm übergestreift, was der Auslöser dafür gewesen sein mag, dass sie der einigermaßen amorphen Figur nun einen Wohlfühlraum inklusive Designer-Ruhesessel spendiert.

Nicht der einzige Ausstellungsbeitrag von etwas kurioser Anmutung. Doch verfolgt die Künstlerin keineswegs primär eine denunzierende Absicht, sie hinterfragt vielmehr allgemein, inwieweit Hoffnungen sich eingelöst haben: Was hat die Wende, was hat die Expo für die Welt im Allgemeinen und Deutschland im Besonderen denn nun wirklich gebracht?

In den Film- und Sprachbeiträgen der Ausstellung beweist die Künstlerin jedenfalls einige Skepsis – da geht es mal um die Szene der so genannten Reichsbürger oder auch um die NSU-Thematik: „Ich habe gerade meine Großmutter in Zwickau besucht“, erzählt Henrike Naumann, „als das NSU-Haus explodierte. Das war vielleicht einen Kilometer Luftlinie entfernt und eines meiner einschneidendsten Erlebnisse.“ Diese Ausstellung erschließt sich durch die ungewohnten künstlerischen Mittel wohl nicht sofort. Der Besuch lohnt sich aber – nicht nur für Hannoveraner.

Sehen

Bis 25. August, Kunstverein Hannover; www.kunstverein-hannover.de/

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