Der „schönsten Sagen“ hässliche Seiten: Oldenburgisches Staatstheater räumt in Exerzierhalle mit Troja-Kult auf

Mythos Ilias: Doch keine gute Idee?

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Irres Spektakel: „Kampf um Troja“ in der Oldenburger Exerzierhalle.

Oldenburg - Von Johannes Bruggaier. Huch, die können ja auch ganz anders! Die ersten Premieren unter dem neuen Leitungsteam am Oldenburgischen Staatstheater hatten noch schlimme Befürchtungen genährt. Erst ein verstörend provinzieller „Falstaff“, dann ein an Harmlosigkeit kaum zu überbietender Arthur Miller, und jetzt standen auch noch „Gustav Schwabs schönste Sagen des klassischen Altertums“ auf dem Spielplan. Ja, geht’s denn noch biederer, kleinbürgerlicher, spießiger?

Doch dann lässt Regisseur Tim Tonndorf am Donnerstagabend eine Horde vulgärer Schreihälse für drei Stunden durch die Exerzierhalle springen, mit Masken, Nebel, Videos. Und siehe da: Die Freude am Theater kehrt zurück.

Es geht, wie anfangs einer dieser sechs schwarz geschminkten Wilden (nein, kein Grund zum Blackfacing-Alarm) augenrollend und Zeigefinger hebend in betulichem Gustav-Schwab-Deutsch verkündet, um die Ilias als „Vehikel eines moralischen Lehrkurses“, um den Urtext unserer Zivilisation, dessen Moral es „in der Darstellung selbst zu empfinden“ gelte. Und keine Sorge: Alles „Anstößige“, was „unsern höheren Begriffen von Sittlichkeit widerstrebt“ habe der Verfasser sorgsam entfernt. Von wegen.

Los geht es mit fragwürdigen Deals in den Hinterzimmern der antiken Politkaste. Weil Odysseus (Lisa Jopt) hilft, die schöne Helena (Maximilian Pekrul) unter die Haube zu bringen, ohne den Zorn der leer ausgehenden Freier zu erregen, wird er mit der Hand Penelopes belohnt. Vom Feldzug nach Troja kann diese ihn aber auch nicht verschonen: Um den Kriegsdienstverweigerer des simulierten Wahnsinns zu überführen, spannen ihm die Bündnispartner kurzerhand seinen eigenen Sohn als Zugtier vor den Pflug. Überhaupt haben Kinder nicht viel zu lachen, das eine wird von der wollüstigen Mutter sitzen gelassen, ein anderes vom eigenen Vater geopfert, ein drittes in Geiselhaft gesteinigt. „Wir verhandeln nicht mit Terroristen!“, ruft Trojas König Priamos (Jens Ochlast) noch stolz, als seinem Sohn Polydoros auch schon die Felsbrocken um die Ohren fliegen. Vehikel eines moralischen Lehrkurses?

Lehrhaft vielleicht insofern, als diese archaischen Exzesse als greller Comic über die mit einem großen Draht- und Metallgestell versehene Bühne (Ausstattung: Anna Bergemann) rauschen, laut, rasant, brutal. Spricht Agamemnon, erklingt arrogantes Krächzen, der blinde Seher Kalchas tönt unbeholfen dunkel, die listige Göttin Pallas Athene (Christoph Levermann) hell und verschlagen: Klischeestimmen nach Zeichentrickart zu Grimassen aus dem Bilderbuch. Nur wenn aus dem Off die Kinderstimme das Wort ergreift, erhellt plötzlich etwas Zartes, Menschliches den düsteren Raum: „Sein Speer spaltete des Gegners Nase, durchtrennte die Zungenwurzel, brach durch die Zähne und kam unterm Kinn wieder heraus“, liest die wacklige Kinderstimme brav und sittsam vor. Dann geht es auch schon weiter mit krächzenden Königen und nölenden Göttern hinter bizarren Tiermasken, mit Speerwürfen „voll in die Eier“ und dem Glücksspiel „Schnick, Schnack, Schnuck“, das in dieser Vorhölle der Antike den hübschen Namen „Möse, Schwanz, Papier“ trägt.

Und als gerade Achilles‘ Mutter Thetis, dieser blubbernde Tintenfisch (Stefano Trambusti), bei Zeus (Emilie Jedwab-Wroclawski) eine krachende Niederlage des griechischen Heeres erwirkt, bloß damit ihr in der Ecke schmollender Herr Sohn auch mal wieder ein bisschen gebraucht wird, da beginnt man sich zu erinnern an diesen kleinen, unscheinbaren Spruch, geäußert irgendwann zu Beginn dieses Grauens. „Mythen“, hieß es da, „können Ordnung ebenso begründen wie Unordnung“. An die dreitausend Jahre „Ilias“, stilisiert zum Urmythos der abendländischen Kultur, unterrichtet an Schulen, gepaukt auf Griechisch wie auf Deutsch: Wirklich gut war diese Idee wahrscheinlich nie.

Sie war nicht gut, weil sie den Menschen daran gewöhnt hat, Heldentum mit Tod gleichzusetzen, Nichtigkeiten als Kriegsgrund zuzulassen und Verantwortung für politisches Versagen auf Götter abzuwälzen. „Weißt du“, entschuldigt sich Agamemnon bei Achilles für seinen Raub der schönen Briseis: „Ich konnt‘ gar nix dafür. Die Götter haben mich einfach verblendet!“ Ja, pflichtet ihm Menelaos bei: „Da kann man nix machen, wenn einen die Götter verblenden. Das ist dann einfach alternativlos!“

Es lässt sich in einem auf Klischee gepolten Kriegskarneval schwerlich über darstellerische Qualität sprechen. Allen sechs ist angesichts des schier unüberblickbaren, in mancher Hinsicht gar an Jelinek gemahnenden Textgebirges ein beneidenswertes Gedächtnis zu bescheinigen, eine eindrucksvolle Präsenz und überwiegend glückliches Timing. Glücklich aber ist vor allem eine Regie zu nennen, die mutig zupackt, statt unentschieden herumzueiern und damit dem Oldenburger Theaterbesucher die Hoffnung auf Katharsis durch kritische Selbstbefragung zurückgibt.

Ob nun das älteste Epos unserer Kultur tatsächlich der Urgrund für Krieg und Verderben ist oder nicht vielmehr umgekehrt des Menschen Kriegslust die Triebfeder für das Epos war, ist so nebensächlich wie das Rätsel um Henne und Ei. Denn selbst wer die Ilias von Schuld freispricht, kann nicht ihre legitimierende Kraft verkennen, derer sich unsere Zivilisation bis heute nur allzu gerne bedient.

Es ist am Ende an Achilles, darüber den Beweis zu führen. Und der besteht in einer schier unerschöpflichen Liste von schlagender Evidenz: „Ajax, das Putzmittel. Apollo, der Optiker. Hermes, der Paketdienst. Amazon, der Schweinekonzern…“

Kommende Vorstellungen: am 8., 9., 12., 15. und 17. Oktober jeweils um 20 Uhr in der Exerzierhalle, Oldenburg.

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