Essener Folkwang Museum zeigt seine im Dritten Reich konfiszierten Werke

Das schönste Museum der Welt

Wassily Kandinsky: „Improvisation 28“ (2. Version), 1912

Von Wilfried DürkoopESSEN (Eig. Ber.) · Die erste Sonderausstellung in dem von David Chipperfield errichteten Neubau des Essener Folkwang Museums bringt die wichtigsten Werke, die einst dem Museum gehörten und von Nationalsozialisten konfisziert und verkauft wurden, für vier Monate wieder nach Essen zurück und vereint sie mit den Hauptwerken, die im Museum verblieben und ausgelagert den Krieg überstanden. Zu bestaunen ist ein Panorama französischer und deutscher Kunst von 1850 bis 1930, das durch Werke außereuropäischer Kunst ergänzt wird.

Gegründet hatte das Folkwang Museum 1902 Karl Ernst Osthaus in Hagen, der mit ererbtem Geld zunächst naturwissenschaftliche Objekte und dann unter dem Einfluss des belgischen Architekten und Gestalters Henry van der Velde im großen Stil Werke der Moderne von Renoir, Gauguin, Cézanne, Signac, van Gogh oder Matisse und auch deutsche Expressionisten erworben hatte. Und er sammelte Antiken, romanische Plastik, Porzellan aus China und Japan, Schattenspiele aus Java, Totems aus Ozeanien, afrikanische Skulpturen und vieles mehr, was in seinen Augen als Beleg für eine Weltsprache der Kunst funktionierte. Diese Werke fanden in seinen Museumssälen gleichberechtigt ihren Platz neben der europäischen modernen Kunst.

Dieses Konzept wandte dann auch Ernst Gosebruch an, dessen Städtisches Museum in Essen nach Osthaus' frühem Tod 1921 dessen Sammlung mit Hilfe kunstbegeisterter Essener Bürger übernahm und zum neuen Museum Folkwang zusammenführte. Es gab wohl damals kein anderes Museum mit einer derartig bedeutenden Sammlung französischer und deutscher Kunst.

Die produktive Arbeit des Museums fand 1933 ein jähes Ende. Gosebruch wurde entlassen, die klassische Moderne verschwand in den Depots. Neuer Direktor wurde der glühende Nationalsozialist Klaus Graf von Baudissin, der auch der Kommission angehörte, die in den deutschen Museen nicht genehme Kunstwerke beschlagnahmte. Im Folkwang Museum räumten die Nationalsozialisten besonders gründlich auf und konfiszierten mehr als 1 400 Werke der „Verfallskunst“. Viele wurden versteigert oder gelangten durch Händler in alle Welt, andere wurden zerstört, ein nicht geringer Teil der Sammlung ist bis heute verschollen, darunter Gemälde von Dix, Feininger oder Kirchner.

In den fünfziger und sechziger Jahren konnten einige Bilder zurückgekauft werden, Neuerwerbungen Lücken schließen. Der frühe Glanz ist jetzt in das Folkwang Museum zurückgekehrt. Die weidenden Pferde von Franz Marc sind eine Leihgabe des Busch-Reiniger Museums in den USA, das Selbstbildnis Giorgio de Chiricos kommt aus dem Kunstmuseum Winterthur, Marc Chagalls rote traumartige Dorfszene wurde in Philadelphia ausgeliehen, Kandinskys „Improvisation“ hängt gewöhnlich im New Yorker Guggenheim Museum.

Die Ausstellungsarchitektur eröffnet großzügige Durchblicke und erhellende Weitsichten. Von den Menschenbildern Noldes und Hodlers fallen die Blicke auf japanische Theatermasken, die Skulpturen Lehmbrucks und Rodins liegen in Blickrichtung der mächtigen ozeanischen Malagan-Figuren. Sie bringt die winzigen ägyptischen Amulette und die großen Wandbild-Entwürfe Oskar Schlemmers gleichermaßen zur Wirkung, so dass der heutige Besucher in ein geschlossenes Ganzes eintauchen kann – wie einst in den frühen dreißiger Jahren, als der Mitbegründer des Museum of Modern Art in New York, Paul Sachs, es bei einem Besuch in Essen „das schönste Museum der Welt“ nannte.

Die Ausstellung läuft bis zum 25. Juli im Essener Folkwang Museum. Der Katalog, erschienen in der Edition Folkwang/Steidl, kostet im Museum 29.

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