Ein Gespräch mit dem Bremer Choreographischen Assistenten Tom Bünger über Urs Dietrichs neues Stück „Dividendo“

Die Schönheit des Unbewussten

Tom Bünger, Choreographiscger Assistent in Bremen.

Von Rainer BeßlingBREMEN (Eig. Ber.) · Am Samstag kommt in Bremen Urs Dietrichs neues Stück „Dividendo“ zur Uraufführung. Erstmals begleitet Tom Bünger in seiner neuen Rolle als Choreographischer Assistent die Produktion. Wir sprachen mit dem langjährigen Tänzer aus Urs Dietrichs Compagnie.

?Was bedeutet Assistenz im Tanztheater?

!Das Wichtigste ist, den Choreographen bei der Arbeit zu begleiten. Ich lerne das Material aber auch mit. Danach heißt meine Aufgabe Beobachtung und Analyse. Dazu gehört noch die musikalische Begleitung. Im Schauspiel ist Regieassistenz eine Station auf dem Weg zum Beruf Regisseur. Als Choreographischer Assistent muss man getanzt haben. Auch die Abendspielleitung liegt in meiner Hand.

?Die neue Aufgabe markiert das Ende Ihrer tänzerischen Laufbahn?

!Jein. Dieses Jahr bedeutet für mich eine Mischform. Ich tanze noch das Repertoire, „Wohin“, „Largo“. Ich werde sicher noch einmal einen eigenen Abend im Brauhauskeller machen. Im Dezember beginnen aber dann schon für mich Proben als Assistent von Tero Saarinen. Ein neuer Tänzer nimmt meinen Platz im Ensemble ein. Trotzdem trainiere ich jeden Morgen, das ist mein Heiligtum, das ich verteidige.

?Wie weit sind Sie in die künstlerische Gesamtplanung für das Tanztheater einbezogen?

!Durch den Weggang von Herrn Frey sind nun die Spartenleiter in der Verantwortung. Patricia Stöcke mann steht mit Urs Dietrich ein starker künstlerischer Leiter gegenüber, die Entscheidungen wurden immer schon in steter Rücksprache getroffen, schlussendlich bin ich auch mit beteiligt. Wir hatten im Tanztheater, vor allem auf der Bremer Seite, immer eine familiäre Situation, in der man sich auf Augenhöhe begegnet.

?Daran hat auch die Konstruktion „nordwest“ nichts geändert?

!Die Disposition, die Wirkung nach außen hat sich verändert, aber die Familie ist geblieben. Wenn ich mir etwas wünschen dürfte, dann wieder eine Profilstärkung des Bremer Tanzheaters.

?Nun zu dem neuen Stück. Wenn ich mit Urs Dietrich vor der Premiere gesprochen habe, hielt er sich immer sehr bedeckt.

!Ich bin da auch sehr vorsichtig. Ich weiß aus eigener Erfahrung als Tänzer, wie viel sich gerade noch in den letzten Tagen ändert. So viel kann ich sicher sagen: Am Anfang steht eine Grundidee. Bei „Dividendo“ ist es eine ganz grundsätzliche Scheidelinie.

?Was heißt der Titel wörtlich übersetzt, welche grammatikalische Form treffen wir da eigentlich an?

!Ich weiß nicht mal, ob es die gibt. Es ist wahrscheinlich auch der Klang des Wortes, der interessant war. Aber es ist schon die Teilung wichtig, das Einzelne und das Ganze. Es konkretisiert sich in der Trennung von hell und dunkel, von sichtbarer und unsichtbarer Welt und nicht zuletzt von Tod und Leben. Es wird, glaube ich, ein dunkel-poetischer Abend, symbolisiert auch durch das Bühnenbild.

?Ein Bühnenbild sollte aus rein produktionstechnischen Erwägungen doch schon früher feststehen.

!Wir dürfen nicht vergessen: Wir haben mit Urs Dietrich einen Künstler in Personal-Union am Haus. In diesem Fall ist er auch der Bühnenbildner, der Video-Künstler. Nicht zuletzt hat er auch die Kostüme entworfen und realisiert. Bei der ersten Bauprobe vor Monaten sah die Bühne noch voller aus. In dieser Frage wie im Choreografischen geht es bei Urs Dietrich immer um das Weglassen.

?Gilt das auch für die Musik?

!Ja, weil im Tanztheater viel ausprobiert wird und Musik aus den unterschiedlichsten Bereichen einfließt. Urs Dietrich samplet auch gern. Es ist dann doch, bis heute zumindest, sehr stark auf zeitgenössische Musik hinausgelaufen. Das hat das Stück irgendwann gefordert. Die Eigendynamik eines Kunstwerks darf man nicht unterschätzen. Der Abend ist auch als musikalische Erfahrung sehr spannend.

?Urs Dietrich reagiert häufig auch auf frühere Arbeiten. In welchem Verhältnis steht „Dividendo“ zu den vorangegangenen Stücken?

!So wie Urs Dietrich Kunst betreibt, kann man sagen, dass das ganze Leben ein Stück ist. Im Mittelpunkt steht die Auseinandersetzung mit dem Tod, mit dem Sakralen. Nicht als Religiosität. Vielmehr geht es um eine Art Tempelhaftigkeit des Körpers, Fleischliches und Spirituelles in Wechselbeziehung. Urs Dietrich sieht die letzten drei Stücke als Trilogie: „Voice“, „Wohin“ und „Dividendo“. Die Frage „Wohin“ reicht in das neue Stück mit hinein. Urs arbeitet gern gegen Erwartungshaltungen des Publikums. Eine üppige Groteske haben die Zuschauer bei „Wohin“ sicher nicht erwartet.

?Das heißt, mit „Dividendo“ kommt eine andere Farbe. Kehrt der Ernst zurück?

!Nicht zuletzt auch im Zusammenhang mit dem Film geht es um Auflösung. Das Video zieht sich als Projektion durch das ganze Stück. Urs Dietrich ist ein großer Film-Fan, besonders der russischen Schule. Er hat häufig die Kamera dabei und viel Material gesammelt.

?Wenn man ein Dreieck bilden würde aus Körper, Idee und Musik. Wie wirken die Momente aufeinander?

!Es gibt mehrere Ansätze im Tanz. Der Ansatz von Pina Bausch hieß: Nicht wie man sich bewegt ist wichtig, sondern was mich bewegt. Bei Urs Dietrich wird häufig auch anders herum gearbeitet: Der Choreograph hat eine Form, gibt sie weiter, im nachhinein füllt sich die Form mit Idee. Nun hat in der Regel auch der Tänzer zu dem, was er tut, eine Geschichte im Kopf. Urs moduliert diese, es ist ein stetes Wechselspiel. Wichtig ist, dass die Dinge, die man tut, ein Geheimnis haben und behalten. Urs Dietrich ist ein Meister darin, nicht zu viel zu verraten. Dann kommt eine bestimmte Schönheit zustande, die etwas mit Unbewusstheit zu tun hat, die ist ganz wichtig im Tanz.

Das könnte Sie auch interessieren

elona ist da. Ihre lokalen Nachrichten.

Corona-Testzentrum öffnet in Zeven

Corona-Testzentrum öffnet in Zeven

Thomas Schäfer ist tot – Sein Leben in Bildern

Thomas Schäfer ist tot – Sein Leben in Bildern

Überforderung im Sport vermeiden

Überforderung im Sport vermeiden

Warum Rasenroboter doch noch einen Gärtner brauchen

Warum Rasenroboter doch noch einen Gärtner brauchen

Meistgelesene Artikel

Rammstein-Video feierte spektakuläre Premiere - Jetzt ist der komplette Clip online zu sehen

Rammstein-Video feierte spektakuläre Premiere - Jetzt ist der komplette Clip online zu sehen

Dynamisches Brodeln

Dynamisches Brodeln

„Kostet Überwindung“

„Kostet Überwindung“

Seuche oder Tyrannei

Seuche oder Tyrannei

Kommentare