The Notwist: „Close to the Glass“

Schönheit in Tristesse

Brückenschlag in die Neunziger: „The Notwist“ sind wieder da. ·
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Brückenschlag in die Neunziger: „The Notwist“ sind wieder da. 

Syke - Von Matthias Berger. Das Warten hat sich gelohnt: Sechs Jahre nach „The Devil, You & Me“ legen The Notwist mit „Close To The Glass“ ihr abwechslungsreichstes Album vor.

Die Weilheimer genießen als eine der wenigen deutschen Popbands dank Alben wie „Shrink“ (1998) und „Neon Golden“ (2002) auch international große Anerkennung. Auf die Spitze trieben The Notwist ihren Schmelztiegel-Sound mit „The Devil, You & Me“, auf dem beim geselligen Beisammensein von Indierock-Gitarren und Elektronik-Geplucker auch noch das Andromeda Mega Express Orchester mitmischte. Das Ergebnis war ein hochverdichteter Soundkosmos, dem der Druck stellenweise anzuhören war, unter der die „deutschen Radiohead“ seit „Neon Golden“ stehen. Soundtüftler Martin Gretschmann erklärte kürzlich in einem Interview, dass es für die Band immer schwieriger sei, sich neu zu erfinden.

Mit „Close To The Glass“ befreien sich The Notwist, indem sie mit den Erwartungshaltungen spielen. Mit „Signals“ und dem Titeltrack empfangen den Hörer zwei paranoide Androiden, die mit klappernden Beats, Piepstönen und Störgeräuschen für Entfremdung sorgen. Haben bei The Notwist endgültig die Maschinen die Macht übernommen?

Weit gefehlt: Mit dem Indierocker „Kong“ gelingt den Weilheimern der Brückenschlag in die neunziger Jahre, als Handys noch was für Yuppies waren und der Weg ins Internet ähnliche Störgeräusche verursacht hat wie „Signals“. Auch textlich begibt sich Markus Acher auf die Reise in die Vergangenheit: Den Superhelden Kong hatte er sich als Kind ausgedacht, als das Haus seiner Eltern in den Fluten der Ammer zu ertrinken drohte. Gegen Ende schießt das Stück mit stoischem Beat aus der Indierock-Kurve schnurstracks ins Kraut. Und geht nahtlos in „Into Another Tune“ über, das mit seinem Synthie-Riff wie ein entfernter Verwandter des Neo-Krautrock-Hits „The Rip“ von Portishead daherkommt.

„Close to the Glass“ wirkt wie ein Mixtape, das alle Strömungen abseits des Mainstreams aufgreift und in die lakonische Sprache der Weilheimer übersetzt. In der My-Bloody-Valentine-Homage „7-Hour-Drive“ singt Markus Acher im tosenden Feedback-Sturm von den Leiden einer Fernbeziehung: „Our love ist a 7-hour-drive, 7-hour-drive, 7 hours too long“. Und so wie die Angebetete unerreichbar scheint, trennt den Hörer eine Gitarrenwand von der in den Hintergrund gemischten Gesangsmelodie.

„Casino“ startet mit einer Akustikgitarre, dazu singt Markus Acher mit unverkennbar deutschem Akzent „After a life in a casino, we know that gambling is a joke, to say I am not here for the money, is another word for broke”. Elektronische Sounds mischen sich wie Neonlicht unter den sonnigen Folk-Rock. Spätestens als Acher „Roll the dice into nothing, roll the dice just like me, the stars fall from the ceiling, into the sea“ intoniert, gehen Tristesse und Schönheit in inniger Umarmung auf.

The Notwist: „Close to the Glass“, City Slang, 15,99 Euro.

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