Im Bremer Wilhelm-Wagenfeld-Haus zeigt die Stadt Aarhus ihre Architektur

Schöner wohnen im Eisberg

Spektakuläre Optik: Das Eisberg-Viertel in Aarhus ist ein Beispiel für moderne Stadtentwicklung. ·
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Spektakuläre Optik: Das Eisberg-Viertel in Aarhus ist ein Beispiel für moderne Stadtentwicklung. ·

Bremen - Von Johannes BruggaierPlötzlich war Aarhus grün. Das Zentrum der zweitgrößten Stadt Dänemarks ein Meer von Bäumen, in den Zweigen zwitscherten die Vögel und auf dem Boden lag Moos. Stadtverwaldung statt Stadtverwaltung, Joseph Beuys hätte seine wahre Freude daran gehabt.

Wenig später war der Wald wieder verschwunden, wo eben noch Studenten unter jungen Linden Karten spielten, eilten jetzt wieder Geschäftsleute mit Aktenkoffern über den Asphalt. „Die Leute waren traurig, dass die Aktion vorbei war“, sagt Carina Serritzlew vom dänischen Architekturbüro „and+“. „Aber wir brauchen solche Projekte, um zu lernen.“

Lernen will Serritzlew, wie die Stadt Aarhus mit ihrem stetigen Wachstum umgehen soll und sich Wohnqualität mit -quantität vereinbaren lässt. Sie lernt das in der Auseinandersetzung mit der eigenen Bevölkerung, etwa mit Kunstaktionen wie dem Stadtwald auf Zeit. Und sie lernt das ganz konkret in Bremen, wo Architekten und Stadtplaner aus Aarhus zurzeit mit ihren deutschen Kollegen über Fragen der Stadtentwicklung diskutieren. Eine erste Erkenntnis, sagt sie, habe sie bereits gewonnen: „Wir brauchen in Aarhus eine Straßenbahn. Das hat uns Bremen voraus.“

Doch auch Bremen hat Lernbedarf. So zeigt das Beispiel Aarhus, wie sich Architektur jenseits rechteckiger Backsteinbauten mit zweckfreien Glaselementen realisieren lässt – in Bremen offenbar undenkbar. Das Bremer Zentrum für Baukultur hat deshalb gemeinsam mit der Wirtschaftsförderung Bremen Carina Serritzlew mit der Kuration einer Ausstellung über die Stadtentwicklung in Aarhus beauftragt. Seit gestern ist die Schau nun im Wilhelm-Wagenfeld-Haus zu sehen.

Es ist eine recht textlastige Angelegenheit geworden, aufgelockert von ein paar Videos und vor allem einem großdimensionierten Modell einiger ausgewählter Projekte der Stadt. Dabei gibt es manch reizvolle Entwürfe zu entdecken, etwa ein ganzes Wohnviertel im Design eines gigantischen Eisbergs. Mittels QR-Codes lässt sich die ambitionierte Architektur gleich auch als Videoclip aufs Smartphone holen, wo eine geschickte Kameraführung unter Mitwirkung von Wind und Möwen aus dem Gebäudekomplex ein maritimes Erlebnis macht. Wie es sich in den spektakulär gezackten Häusern leben lässt, wenn erst einmal der Gewöhnungseffekt eingetreten ist, mag der Betrachter freilich nicht abzuschätzen.

Überhaupt drängt sich schon bald die Frage auf, wie eine Stadt bei solch grundsätzlich begrüßenswertem Mut zu ambitioniertem Design ihre Identität schützen kann. Man müsse eben darauf achten, sagt Serritzlew, dass die Menschen nicht den Kontakt zum Zentrum verlieren. Außerdem sei jede Investition mit Auflagen verknüpft: Wer bauen will, muss Wohnraum für alle Schichten der Bevölkerung schaffen, dadurch sei eine gewisse Rückkopplung mit der Gesellschaft und folglich auch mit ihrer Identität gesichert. Ein Risiko, räumt Serritzlew ein, bestehe natürlich dennoch.

Ob sich Projekte wie das Eisberg-Viertel etwa auf die Bremer Überseestadt übertragen lassen, bleibt deshalb ungewiss. Überzeugender ist da schon die Planung eines Radwegs in Autobahndimension, mit durchgängig solarbetriebener Beleuchtungsanlage, automatischen Anzeigen von Anschlussverbindungen des öffentlichen Nahverkehrs und allem drum und dran. Die sogenannte „Super-Fahrradspur“ würde Radnutzer vor rücksichtslos parkenden Autofahrern, nervenden Bordsteinen und ewiger Ampelwarterei bewahren: ein geradezu bestechendes Konzept zur Förderung umweltfreundlicher Verkehrsmittel.

Im Jahr 2017 wird sich Aarhus mit dem Titel „Kulturhauptstadt Europas“ schmücken dürfen, auch das erhöht den Druck zur städtebaulichen Innovation. Bremen war mit seiner Bewerbung zur Kulturhauptstadt vor einigen Jahren gescheitert. Im Sinne der Stadtentwicklung sollte man es vielleicht noch einmal versuchen.

Bis 27. April im Wilhelm-Wagenfeld-Haus Bremen, Am Wall 209. Öffnungszeiten: Di. 15-21 Uhr, Mi. bis So. 10-18 Uhr.

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