Schön vage

Syker Vorwerk zeigt Arbeiten der Werner-Kühl-Preisträgerin Julia Schramm

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Erinnerung an alte Meister: Schreitender Vogel aus dem Jahr 2017.

Syke - Durchdringend starren sie geradeaus. Augen, die jeden Betrachter wachsam durchleuchten. Vor ihnen kann sich nur verstecken, wer möglichst schnell das Weite sucht – und den Vogel hinter sich lässt. Auf dass er die anderen Besucher anstarren möge.

Eine Situation, die aktuell nicht im Zoo zu erleben ist, sondern im Syker Vorwerk. Dort sind ab Sonntag knapp 50 Werke von Julia Schramm zu sehen. Die Schau trägt den Titel „Federn lassen“ und ist der zweite Teil des Werner-Kühl-Preises. Diesen gewann die gebürtige Diepholzerin im vergangenen Jahr und konnte neben einem Preisgeld in einer Höhe von 5 000 Euro außerdem die Einladung zu einer Einzelausstellung im Vorwerk in Empfang nehmen. „Das wertet den Preis noch einmal deutlich auf“, erklärte gestern Kuratorin Nicole Giese-Kroner. Sie gehört der Kühl-Jury an und sieht sich beim Gang durch die Ausstellung im Erdgeschoss des Vorwerks einmal mehr in der Wahl bestätigt. Zu Recht, denn Julia Schramm schafft es auf eindrückliche Weise, den schmalen Grat zwischen Abstraktion und Figürlichkeit stets aufs Neue zu beschreiten.

Waren zunächst menschliche Wesen der Mittelpunkt ihrer Arbeiten, sind es seit drei Jahren vor allem Vögel. Wer allerdings Verweise auf konkrete Arten erwartet, wird enttäuscht. Schramms Figuren sind dank zumeist stark ausdefinierter Augen- und Schnabelpartie zwar sofort als Vögel zu erkennen, der Rest ihrer Körper bleibt aber vage, verbindet sich immer wieder mit dem Hintergrund oder deutet sich nur dank anderer Strukturen an. Obwohl auch dabei unklar bleibt, ob wir wirklich flatternde Flügel sehen – oder uns unsere Fantasie nicht nur einen Streich spielt. Diese Art der Malerei hat übrigens einen entscheidenden Vorteil: Die Künstlerin muss mit Besuchern nicht darüber diskutieren, ob eine Eule oder Meise nun wirklich so aussieht wie von ihr gemalt.

Möglich ist dieser gezielte Weg ins Vage vor allem dank Schramms ungewöhnlicher Technik, die stets zwischen Zufall und bewusster Komposition wechselt. So entstehen ihre Bilder, indem sie Farbe auf am Boden liegende, grundierte Leinwände gießt. Flächen, die sie nach und während des Trocknens mit Acryl, Lappen und Pinseln bearbeitet. So schafft die Künstlerin genau jene Strukturen, die das ständige Schwanken zwischen Abstraktem und Tatsächlichem überhaupt erst ermöglichen.

Auch wenn ihre Maltechnik doch recht ungewöhnlich ist, kann der Betrachter nicht umhin, beim Gang durch die Ausstellung Vergleiche zu alten Meistern wie beispielsweise Rembrandt zu ziehen. Denn genau wie der Niederländer sind Schramms Hintergründe oftmals dunkel und setzen sich aus verschiedenen Grau- und Brauntönen zusammen. Eine markante Fläche vor der sich das Motiv hell absetzt, wodurch äußerst dramatische Bilder entstehen, in denen vieles undefiniert bleibt. Macht aber nichts, so brennen sich die Bilder umso eindrücklicher ins Gedächtnis ein.

Da diese Art der Malerei jedoch viel Zeit benötigt – mitunter besteht ein Bild aus bis zu 20 unterschiedlichen Farbschichten –, suchte Schramm vor einiger Zeit einen Ausgleich im Zeichnen. Aus diesem Fundus gibt es im Vorwerk ebenfalls einige Arbeiten zu sehen. Auch wenn Zeichnen für gewöhnlich einen Hang zum Filigranen voraussetzt, sind die gezeigten Werke ebenfalls von großflächig aufgetragener Farbe geprägt: Schramms Wurzeln in der Malerei lassen sich eben nicht verleugnen.

Allerdings sind die in Graphitgrau gehaltenen Piepmätze durchaus filigraner als ihre Artgenossen in Öl. Während sich dort das Gefieder im Dunkeln des Hintergrundes verliert, grenzt Schramm die Körper in ihren Zeichnungen ein ums andere Mal mit Linien bewusst ein – allerdings ohne das Vogelkleid Feder für Feder auszudefinieren. Aber nicht nur Vögel sind Thema: Schramm hat in einem durchaus ironischen Verweis auf den Titel der Schau vier Katzenbilder zwischen den Gefiederträgern platziert. Und obwohl ganz klar ist, wer wegen wem Federn lassen wird, haben Jäger und Gejagte doch wieder eines gemeinsam: ihren stechenden Blick.

Ansehen

Die Ausstellung von Julia Schramm ist noch bis zum 4. August im Syker Vorwerk, Am Amtmannsteich 3, zu sehen.

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