Uraufführung: Tanzcompagnie Oldenburg mit Marcel Leemanns „Full Body“

Schön schwärmen

Gleichklang und Eigensinn: Marcel Leemanns „Full Body“ in der Exerzierhalle Oldenburg. ·
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Gleichklang und Eigensinn: Marcel Leemanns „Full Body“ in der Exerzierhalle Oldenburg. ·

Von Rainer BeßlingOLDENBURG · Es ist ein klassisches Thema der Moderne: Individuum und Masse. Wie gehen Abgrenzung und Gemeinschaft zusammen? Das Thema ist ein Klassiker vor allem im Tanztheater. In keinem anderen Genre lassen sich körperlicher Gruppenbildung und Vereinzelung, Magnetismus der Menge und Ausscheren aus der Meute darstellen.

Der Schweizer Choreograph Marcel Leemann stellt das Massen-Phänomen ins Zentrum seines Stücks „Full Body“. Uraufgeführt wurde es jetzt am Oldenburgischen Staatstheater. Klassische Themen beziehen ihre Haltbarkeit aus Epochen überdauernder Gültigkeit. Zugleich verlangen sie permanente Aktualisierung und eine prägnante künstlerische Handschrift. Leemann bietet beides. Rau und roh ist die choreographische Sprache des Schweizers. Das Individuum tritt getrieben und trudelnd, ungerichtet und sehnsuchtsübervoll auf. Die Menge scheint von irrationaler Eigendynamik und sprunghafter Faszination bewegt.

Die Gesten und Posen, mit denen die Tanzcompagnie Oldenburg in „Full Body“ Schwärme bildet und aufbrechen lässt, bleiben meist Fragment, sind in permanenter Veränderung und verweigern sich einer endgültigen Gestalt. Vitalität und Energie treten häufig in Drehungen und Sprüngen auf der Stelle. Bodenfiguren kreisen um ein Robben und Rutschen, das aus den Massenbewegungen eher Trägheit als Perspektive sprechen lässt.

Begegnungen erwachsen zufällig aus getriebener Gemeinschaft. Nähe erscheint verzweifelt gesucht und manchmal im Anschmiegen und Getragenwerden gefunden. Sie hält aber nie lange und führt Trauer mit. Schnell brechen Bindungen wieder auf. Persönlichkeit hat keine Zeit, sich in Reibung oder gleicher Ausrichtung zu bilden. So scheint das Bühnengeschehen eine Gegenwart der ebenso spontanen wie unverbindlichen Vermassung zu spiegeln, eine schwere Zeit für das Individuum, das weder in der Gemeinschaft noch in einem stabilen Ich Halt findet. Eine schwere Zeit für Gruppen, eine leichte für Vermassung, die sich an verführenden Bildern und Sounds, über gemeinsame Orte und Rituale formiert.

Leemann eröffnet seinen Reigen des Ausschwärmens und der Selbstbegegnungen mit einer stillen Sequenz. Leitmotivisch für das Stück, kommen gesprochenes Wort und Körpersprache zusammen. Akteure kündigen Bewegungen an und kommentieren sie zugleich, eine Strategie der Distanzierung, ein Moment der Entfremdung. Zwei Schauspielerinnen, die den größten Teil der Texte sprechen, tanzen im Ensemble mit. Auch wenn es sichtbar ist, stört es die Szenen l eher produktiv. Leemann geht es nicht vorrangig um Gleichklang und Perfektion. In den gemeinsamen Figuren dominiert weiter die Einzelpersönlichkeit. Das Auge des Zuschauers bleibt permanent bewegt und beauftragt, Fäden zwischen Aktionen zu knüpfen, Bilder zu koordinieren, Szenen mitzuformen.

Die Bühne (Anike Sedello) bietet wenig Halt und bleibt mobil. Eine Leinwand schafft eine Hinterbühne, das Geschehen hinter diesem Vorhang wird aus der Vogelperspektive filmisch projiziert. Das Ensemble legt dünne Holzplanken zu Bodenformationen: Reihen, eine Spirale, Felder und Wege, zwischen denen und über die hinweg sich Soli und Duette bilden. Ein Glaskasten ist mal Käfig, mal rollender Zuschauersaal.

Während die gesprochenen Texte die Deutungsrichtung relativ eng vorgeben – Masse, Individuum, Sinnvakuum, Begehren ohne Echo –, öffnen die abstrakteren Balken einen offeneren Assoziationsraum. Hinzu kommt mit hohem Suggestionspotenzial die Musik von Beat Halberschmidt. Kratzende und scharrende Geräusche mit dem Pathos des musikalisch Schmutzigen, wummernde Bässe, eher Tiefschläge als Töne, bisweilen bedrängend pulsierende Beats, die das Ensemble in den Gleichschritt treiben. Häufig aber rotieren auch Halberschmidts Patterns in einfachen, überschaubaren harmonischen Wendungen, liefern Polyrhythmen irritierende Reibungen oder machen sich Bässe selbstständig und verweigern jegliche Basis.

In dieser Musik bilden Songs, an denen die Tänzerin/Sängerin Gili Goverman mitschrieb, Inseln von Melodie und Form. So endet das Stück auch vokal, fast melancholisch. Ein lyrisches Ich tritt als Kontrapunkt gegen die Physis der Masse auf, als die andere Seite von „Full Body“.

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