Schön anzusehen

„Daphnis“ und „Lost Love“ in Hannover

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Ensemble-Szene aus „Daphnis – Lost Love“.

Hannover - Von Jörg Worat. „Daphnis und Chloe“: Das ist ein antiker Roman, der von Findelkindern und Hirten und Piraten handelt, von einer jungen Liebe, von Trennung und Wiedersehen. Im Ballett wird der Stoff immer wieder gern genommen, zumal Maurice Ravel eine entsprechende Musik geschrieben hat. Auf die bezieht sich auch Hannovers Ballettdirektor Jörg Mannes in seiner aktuellen Choreografie, die schlicht „Daphnis“ heißt – auf Schäfer und Piraten müssen die Opernhaus-Besucher hier aber verzichten.

Genau genommen gibt es in der Mannes-Fassung überhaupt keine festgelegten Rollen, auch wird nicht wirklich eine Geschichte erzählt. Es ist ein abstraktes Stück, in dem sich die unterschiedlichsten Besetzungen bis hin zur vollen Ensemblestärke auf der Bühne tummeln, und das Grundthema wird noch am ehesten in dem einen oder anderen Pas de deux deutlich, wenn es um das ewige Spiel von Anziehung und Hemmnissen geht.

Nun hätte die Frage eine gewisse Berechtigung, warum die Sache unter diesen Umständen diesen Titel trägt. Die kann aber auch in den Hintergrund treten, denn man schaut und hört hier einfach gerne zu. Das Ensemble beherrscht alle geforderten Spielarten von Neoklassik über Ausdruckstanz bis hin zur Akrobatik, es ist hochmusikalisch, und die Übergänge bleiben stets in einem stimmigen Fluss. Tatsächlich sind die Tänzer so gut, dass es unangemessen scheint, einzelne Namen hervorzuheben.

Beeindruckende Video-Einspielungen

Auch das Umfeld stimmt. Thomas Rupert hat ein archaisches Bühnenbild von tempelartiger Anmutung entworfen, die Kostüme von Rosa Ana Chanzá tragen dem erotischen Einschlag der ursprünglichen Geschichte Rechnung – vor allem die Damen zeigen sich bei manchen Bewegungen ziemlich bauchfrei.

Und die beeindruckenden Video-Einspielungen, die um Körperhaft-Organisches kreisen und psychedelisch eingefärbt sind, stammen von Mannes selbst; manchmal wirken sie fast ein bisschen zu interessant, weil sie vom Tanz ablenken können. Ferner ist das Niedersächsische Staatsorchester unter Mark Rohde in herausragender Form: Da wird auf höchstem Niveau spannungs- und nuancenreich musiziert.

„Lost Love“ setzt nicht auf Harmonie

Indes ist der Abend zweigeteilt, auf „Daphnis“ folgt nach der Pause „Lost Love“. Und wie der Titel schon andeutet, wird jetzt alles viel düsterer. Das bezieht sich auf die Kostümfarbe ebenso wie auf die Bewegungssprache, die zwar ästhetisch bleibt, aber strenger wirkt und viel weniger auf Harmonie ausgerichtet ist – wer noch nicht wusste, dass die Aufrechterhaltung von Beziehungen eine mühsame Sache sein kann, erfährt dies hier sehr eindringlich.

Dazu erklingt mit der 8. Symphonie von Philip Glass, ein knappes Jahrhundert nach Ravels Komposition entstanden, angemessen kühlere Musik, bei der das Orchester allerdings auch spürbar unkonzentrierter wirkt als zuvor.

Fazit: Freunde das Handlungsballetts kommen hier kaum auf ihre Kosten, was natürlich nicht zwingend ein Nachteil sein muss. Sehr gut gemacht sind diese Choreografien zweifellos, die noch am 20. und 26. Januar sowie am 2. Februar jeweils um 19.30 Uhr im hannoverschen Opernhaus aufgeführt werden.

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