Blick auf Zuschreibungen und Ideale

Jodi Bieber im Syker Vorwerk: Was ist schön?

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Ganzer Kerl mit Porzellankatze: Jodi Bieber nahm diesen Südafrikaner in seinem Wohnzimmer auf.

Syke - Was braucht Frau, um schön zu sein? Einen wohlgeformten Hintern? Straffe Brüste? Lange Beine? Wenig bis gar keinen Speck auf den Hüften? Wenn es nach Werbung und Medien geht, treffen sicherlich all diese Punkte zu. Allerdings spiegelt diese Konstruktion des Weiblichen nur selten das wieder, was Frau selbst als schön empfindet. Auch wenn ihre Selbstwahrnehmung natürlich massiv von gesellschaftlichen Idealen beeinflusst wird.

Wie sehr, zeigt ab Sonntag eine neue Ausstellung im Syker Vorwerk. Unter dem Titel „Making Feminism“ sind Bilderzyklen der afrikanischen Fotografin Jodi Bieber zu sehen. Arbeiten, die zuvor bereits in Bremen-Nord gezeigt wurden und nun den Weg nach Syke gefunden haben. Kuratiert hat die äußerst sehenswerte Schau übrigens nicht Nicole Griese-Kroner, sondern Dr. Alejandro Perdomo Daniels, der im Jahr 2006 zum ersten Mal auf die Fotografien Biebers aufmerksam wurde und sie nach Bremen geholt hatte.

Doch zurück zum Vorwerk: Dort sind im Erdgeschoss Teile des Zyklus „Quiet“ zu sehen, den Bieber im Jahr 2014 fotografiert hat. Nachdem sie sich lange mit konstruierter und tatsächlicher Weiblichkeit beschäftigt hatte, widmete sie sich vor fünf Jahren Männern. Allerdings nicht, indem sie die männliche Härte der patriarchischen Gesellschaft Südafrikas herausstellt. Ganz im Gegenteil. Die von ihr fotografierten Männer zeigen sich ungewöhnlich verletzlich.

Wie sehen sich Frauen? Eine Frage, der die Reihe „Real Beauty“ nachgeht.

Nur in Unterwäsche, ihrer Männlichkeit demonstrierenden Kleidung beraubt, sitzen sie auf Betten und Sesseln, blicken in die Kamera oder auf den Boden. Den Macker markiert hier keiner – auch wenn dies im Alltag vielleicht ganz anders aussehen mag. Diese ruhigen introvierten Abbildungen brechen vehement mit unserem Bild von Männlichkeit und zwingen einmal mehr dazu, zu hinterfragen, warum ein „richtiger“ Mann gemeinhin auch ein harter Kerl sein muss, der keine Schwäche zeigen kann oder darf. Übrigens nicht nur in Südafrika, auch in unseren Breitengraden hat manch einer so seine Probleme mit empfindsamen Männern.

Eine nicht nur dank ihrer formalen Stringenz äußerst sehenswerte Reihe, die eine Antwort auf Fotografien aus dem Jahr 2007 ist. Ausgehend von einer Kampagne der Marke Dove, in der vermeintlich „normale“ Frauen mit Rundungen und anderen Unzulänglichkeiten die Hauptrolle spielen, machte sich Bieber damals auf die Suche nach einem Schönheitsbegriff, den keine PR-Firma vorgegeben hat. Und zwar per Aushang in einem Viertel von Johannesburg. Gemeldet haben sich etliche Frauen, 30 von ihnen sind nun im Vorwerk zu sehen. Natürlich in Unterwäsche, allerdings nicht wie bei Dove in Weiß. Was sie tragen wollte, entschied jede Frau selbst. Genau wie sie für das Foto posieren wollte. Bieber entschied lediglich, wo in ihrem Zuhause die Frauen abgelichtet werden sollten. Herausgekommen sind vielschichtige Porträts, die auch dann vor Stolz strotzen, wenn die Abgebildete höchst verletzlich an der Kamera vorbei guckt. Hier blicken uns Frauen an, die sich selbst schön finden, und das auch ausstrahlen – egal, was der Rest der Welt sagen mag.

Gespräche über Schönheit mit Frauen geführt

Da Jodi Bieber aber weit mehr will als nur einen Kontrapunkt zur oftmals männlich geprägten Sicht auf den weiblichen Körper zu setzen, hat sie mit allen Frauen Gespräche darüber geführt, was für sie Schönheit bedeutet. Und ob sie selbst diesen Ansprüchen genügen.

Aussagen, die im Obergeschoss des Vorwerks verteilt sind und die geprägt sind von dem, was vor allem Mann gerne in einer Frau sehen möchte. Von Männern, die nur eine runde Partnerin akzeptieren, ist da die Rede. Oder von all jenen Veränderungen, die der weibliche Körper nach der Geburt durchmacht – auch wenn Topmodels, die direkt nach der Entbindung wieder auf dem Laufsteg stehen, ein anderes Bild verkörpern. Schilderungen, die manchmal im krassen Gegensatz zum im Bild festgehaltenen Stolz stehen und von jenem Druck erzählen, unter dem Frauen stehen.

Während diese beiden Teile der Ausstellung durchaus eindrucksvoll sind, bleibt aber vor allem die Reihe „Women Who Have Murdered Their Husbands“ von 2004 im Gedächtnis. Damals hatte Bieber Interviews mit Häftlingen eines Frauengefängnisses in Johannesburg geführt und sie im Anschluss daran gemeinsam mit ihren wichtigsten Habseligkeiten fotografiert. Herausgekommen sind Triptychen, die fassungslos machen und die moralischen Vorstellungen des Betrachters aufs Schärfste hinterfragen. Sicher: Wir wissen, dass Mord nicht geduldet werden kann und eine Strafe nach sich ziehen muss. Aber gilt das auch, wenn das Opfer seine Partnerin jahrelang misshandelt, vergewaltigt und dann auch noch seinen Freunden angeboten hat? Nein, will man da antworten. Nein, diese Morde waren ein letzter Ausweg für den man niemanden einsperren kann. Dass man dies doch kann, zeigen die acht Arbeiten.

Leben, aussichtslos und von Gewalt geprägt

Nüchtern und damit nicht weniger erschreckend erzählen die Frauen da von ihren aussichtslosen Leben. Leben, die von Gewalt geprägt waren und ihnen nur den Ausweg gelassen haben, den Partner zu töten –  oder sein Ableben zumindest in Auftrag zu geben. Und auch wenn sie Jahrzehnte im Gefängnis verbringen werden und ihren Kindern auf einen Schlag beide Eltern genommen haben, schwingt in Erzählungen und Fotografien auch etwas Positives mit. Das positive Gefühl, eine bessere Alternative zum alten Leben zu haben. Der Hölle entkommen zu sein – und sei es auch nur in den Schlafsaal eines Gefängnisses.

Sehen

Die Ausstellung ist noch bis zum 2. Februar im Syker Vorwerk zu sehen.

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