Ein Aufruf zur Zivilcourage

Aktuell wie nie: Das Schnürschuh-Theater zeigt „Der Trafikant“

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Solange der Nazi (Helge Tramsen) Bühnenfigur bleibt...

Bremen - Ein verbaler Brandstifter, der als Biedermann daherkommt und Journalisten bedroht. Ein Parteichef, der sich als Freund des kleinen Mannes inszeniert – und sich gleichzeitig weigert, fürs Sommerinterview Fragen von Zuschauern gestellt zu bekommen. Und eine Fraktionsvorsitzende, die im Bundesaußenminister einen Fall für den Verfassungsschutz sieht: Das „Fachpersonal“ der AfD zeigt sich in diesem Tagen so aggressiv wie eh und je.

Natürlich nicht nur, um dank der erwartbaren Entrüstung tagelang eine enorme Medienpräsenz zu generieren, sondern auch, um die eigene Wählerbasis zu bedienen. Ein bisschen Fremdenhass und Wut auf „die da oben“, gepaart mit Medienschelte und Rumgejammer – darunter machen es die AfDler nicht. Eine denkbar simple Strategie, die jedoch verfängt, wie uns nicht nur die Wahlergebnisse in Brandenburg und Sachsen gezeigt haben. Am Horizont der Republik ziehen unter dem Denkmantel von „Das wird man ja wohl noch mal sagen dürfen“ dunkle Wolken auf. Ein Grund mehr, endlich den Anfängen zu wehren.

Denn was dabei herauskommen kann, wenn die Menge dem Treiben von Rechtsaußen tatenlos zusieht, wird aktuell auf der Bühne des Bremer Schnürschuh-Theaters verhandelt. Mathias Hilbig hat dort Robert Seethalers Roman „Der Trafikant“ inszeniert. Ein eindrücklicher Aufruf zur Zivilcourage ist es geworden, der in knapp 95 Minuten als Vier-Mann-Stück über die Bühne geht. Seethalers Text hat Mathias Hilbig behutsam gekürzt, was vor allem zu Beginn des Abends höchst kreativ daherkommt.

... hat Franz (Florian Weigel) Zeit für die Liebe.

So erfährt das Publikum mittels übergroßer Pappwolke und Pappblitz, warum es den 17-jährigen Franz Huchel im Spätsommer 1937 vom idyllischen Salzkammergut nach Wien verschlägt. Dort soll er beim Trafikanten Otto Trsnjek alles übers Geschäft und das Leben lernen – während die Zeichen immer mehr auf Anschluss stehen. Allerdings nur draußen, denn in der Trafik dreht sich noch alles um die wichtigen Dinge: Zigarren, Zeitungen und unter dem Tresen verkaufte „Wixheftln“. Ein lukratives Geschäft neben dem Geschäft, das die Nazis direkt nach dem Anschluss im März 1938 benutzen werden, um Otto Trsnjek aus dem Weg zu räumen. Und Franz Huchel bleibt von seinem Idol nichts mehr als dessen einbeinige Hose.

Pascal Mokowka gibt den Trafikanten als immer mürrischen Zeitgenossen, der auf die Politik schimpft, mit den Zeiten hadert und unbekümmert Waren an Juden verkauft. Selbst dann noch, als die Hetze auf den Straßen immer lauter wird. Zivilcourage, für die der Trafikant einen hohen Preis bezahlt.

Allerdings nicht, bevor er Franzl mit dem „Deppendoktor“ Sigmund Freud bekannt macht. Helge Tramsen – der sich als schmieriger Varietékünstler über den deutschen Diktator lustig macht, nur um sich Minuten später in einen lauthals brüllenden Nazi zu verwandeln – findet im vom Leben gezeichneten und milde gewordenen Psychologen seine Paraderolle. Während die Welt langsam, aber sicher verrückt wird, ist es die Freundschaft zwischen Freud und Huchel, die einen Ruhepol der Geschichte bildet. Als Freud nach London emigriert, hat der junge Mann auch seinen letzten Verbündeten verloren – und entschließt sich zum Protest gegen die Nazis. Logisch, dass auch dieses Aufbegehren nicht ohne Strafe bleiben kann.

Florian Weigel gibt Einstand am Schnürschuh-Theater

Florian Weigel gibt bei seinem Einstand am Schnürschuh-Theater einen jungen Mann, der naiver kaum sein könnte. Aus der Idylle des Salzkammerguts – von der ihm nur die Postkarten seiner Mutter (Sissi Zängerle) bleiben – in die stinkende Stadt geschleudert, muss er in wenigen Monaten erwachsen werden. Der Anschluss, die Nazi-Herrschaft und der damit einhergehende Rassenhass lassen niemandem die Zeit für Naivität. Auch Franzl nicht, der zunehmend verwirrter auf die Welt vor den Fenstern der Trafik blickt – während aus den Lautsprechern Adolf Hitler dröhnt (Technik: Ute Komarek). Eine Welt, für die weder Sigmund Freund noch die Zeitungen eine Erklärung haben können. Weigel verkörpert diese Verwirrung gekonnt, changiert fließend zwischen Wut und Naivität. Zumindest so lange, bis die Hose des Trafikanten bei ihm eintrifft – und er sich endgültig für den Widerstand entscheidet.

Den Weg vom Naivling zum Protestler darf Weigel nur in Nuancen zeigen, das Tempo der Inszenierung lässt ihm dafür wenig Platz. Denn wo vor der Pause noch lauthals gelacht und mitunter gesungen wird, ist im zweiten Teil des Abends sehr schnell Schluss mit lustig. Wortwörtlich. Statt des drehbaren Fensters, das mal Trafik, mal Freunds Wohnung, mal Fabrikhalle ist (Bühne: Fabian Feller), blicken wir nun auf ein riesiges Hakenkreuz. Direkt auf Augenhöhe. Weggucken ist nicht. Und wer es doch versucht, hat spätestens dann schlechte Karten, als die Hose des Fabrikanten unter der Decke flattert.

Mathias Hilbig hämmert es uns mit fast schon brachialer Bildsprache in den Schädel: Begreife! Steh auf! Engagier dich endlich! In anderen Zeiten wäre das arg pathetisch, zu viel Holzhammer, zu viel Übertreibung. Damals, als es noch andere Zeiten waren.

Weitere Termine

„Der Trafikant“ ist Sonntag, 18 Uhr, am 20. Oktober um 18 Uhr sowie am 26. Oktober, 8. und 30. November, jeweils um 19.30 Uhr, im Schnürschuh Theater zu sehen.

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