Das Magazin „Trust“ feiert seine 200. Ausgabe

Schnauze voll von der Szene

Kommen, um dem „Trust“ zur Ausgabe 200 ein krachendes Ständchen zu bringen: Postford aus Bremen. Foto: Christina Kühn

Bremen - Von Jan-paul Koopmann. Von wegen: „gute alte Zeit“, auch wenn man zu einem 200. Geburtstag schon auf solche Ideen kommen könnte. Beim „Trust“ aber, dem mittlerweile weltweit dienstältesten „Fanzine für Hardcore, Punk und Underground“, hatte man schon 199 Ausgaben früher die Schnauze voll von der Szene. Bereits im Editorial der ersten Ausgabe vom Juli 1986 stand der Aufruf, sich hier zukünftig über Sachen auszulassen, die einen an der Szene ankotzen. Auf den Folgeseiten geht‘s um sexistisches Mackertum, dumme Sauflieder und andere vermeintliche Selbstverständlichkeiten, über die sich bis heute energisch streiten lässt, bis hin zur heute wieder brandaktuellen Frage, wo eigentlich die Grenzen der Satire lägen.

Die Position des „Trust“ ist gar nicht so leicht zu fassen, was bereits in dem doppelten Anspruch steckt, sich den Spaß nicht verderben zu lassen, es sich zugleich aber auch nicht zu einfach zu machen mit der Politik in der Musik. „Ich habe keine Lust, mich an irgendwelche vorgefertigten Doktrinen und Dogmas zu halten und meine Gedankengänge danach auszulegen“, schreibt einer im ersten Heft und demonstriert damit mehr Haltung als Ausdrucksvermögen. Ist ja auch wichtiger, und das „Trust“ hat wohl niemand von wegen Poesie.

Daran hat sich bis heute nicht viel geändert, auch wenn das Layout schicker ist und handschriftliche Band-Anzeigen inzwischen Seltenheitswert haben. Es ist überhaupt erstaunlich, dass es dieses Heft noch gibt. Der Plan war einst, alle zwei Monate ein Heft herauszubringen, steht in der Erstausgabe, „was natürlich nicht versprochen werden kann, aber wir versuchen unser Bestes zu geben.“ Seit mehr als 30 Jahren klappt das inzwischen, obwohl nicht nur die musikalischen Subkulturen ihre identitätsstiftende Kraft verloren haben, sondern bekanntlich auch der Printmarkt in Gänze in einer handfesten Krise steckt.

Es gibt jedenfalls mehr als genug Gründe, die 200. Ausgabe des „Trust“ zu feiern. Zum heutigen Fest im Bremer Schlachthof spielen Joseph Boys, Postford und Lügen auf, über die sich sagen lässt, dass sie allesamt gut und wichtig sind – und sie außerhalb der Szene trotzdem keiner kennt. Sie sind jedenfalls deutlich weniger bekannt als das „Trust“, das heute im Bahnhofskiosk zu haben ist. Mit seinem Blick ins internationale Musikgeschehen war das Heft dem Mainstream weit voraus: Nirvana waren früh drin, ebenso wie Fugazi und At The Drive-In.

Auf Punk- und Hardcorekonzerte geht der ewige „Trust“-Herausgeber Dolf Hermannstädter, der seit Ende der 90er-Jahre in Bremen lebt, noch immer. Er hat nur nicht mehr so viel Lust, drüber zu schreiben. Seine fünfstellig bestückte Plattensammlung reicht ihm, als Schreiber hat er sich vor allem auf seine Kolumnen verlegt, die gesellschaftliche und mitunter ausgesprochen persönliche Ansichten verbreiten. Manchmal ist das tiefsinnig, manchmal wütend – manchmal vergaloppiert er sich auch. Es ist die Sprache eines Einzelgängers, eines radikalen Konsumkritikers, eines streitlustigen Idealisten. „Authentisch“ müsste man wohl dazu sagen, würde das im selbstkritischen Teil der Szene heute nicht als vergiftetes Lob aufgefasst.

Hermannstädter mag keine Lieder über Bier, obwohl er selber gerne welches trinkt, ist seit mehr als 20 Jahren Vegetarier und auch mal schwer zu erreichen, weil er sein Handy zu Hause lässt. Ob das hier wichtig ist? Keine Ahnung. Aber er schreibt es auf und es wird gelesen. Längst nicht mehr nur im Heft: Hermannstädters zwischen 1986 und 2007 entstandene Kolumnen sind 2012 unter dem Titel „Got Me? Hardcore-Punk als Lebensentwurf“ bei mox & maritz erschienen (295 S., 15,80 Euro). Die späteren bringt im Frühjahr der Ventil-Verlag als „Warum dauert es so lange, bis es besser wird?“ (240 S., 16 Euro).

Um Musik kümmert sich derweil der Rest der Autoren. Die mehr als 100 Reviews pro Ausgabe sind nach wie vor ein wichtiges Standbein des Hefts, meist hart und flapsig. Das Trust weiß treffsicher, was wichtig ist, und kommt dabei gar nicht erst auf die Idee, irgendwo falschen Respekt walten zu lassen. Traurig ist, dass die Besprechungen benachbarter Fanzines heute notgedrungen kürzer ausfallen. Vorbei ist es mit der Abteilung „Millions of Zines“, wo früher die Kollegen warben und gegenseitig ihre Hefte besprachen. Keine Ahnung, was aus „Die letzte Hoffnung“ aus Oberhausen geworden ist, oder dem „Kabeljau“ aus Norderstedt – in den faksimilierten Trust-Rezensionen aus den 80ern klingen sie jedenfalls lesenswert. Dass es damals sogar Metaprojekte wie „Das Fanzine der Fanzinemacher“ gab, ist Ausweis einer außerordentlich aktiven und selbstkritischen Kultur. Dass es wahnsinnig viel davon lebendig rüber ins Internet geschafft hat, darf mindestens bezweifelt werden. Obwohl es da inzwischen auch ein bisschen Trust gibt.

Feiern

Trust #200 Fest: Heute, 20 Uhr, Bremen, Magazinkeller Schlachthof; Infos: www.trust-zine.de

Das könnte Sie auch interessieren

elona ist da. Ihre lokalen Nachrichten.

Kampfabstimmung um CDU-Vorsitz: CDU vor Richtungsentscheid

Kampfabstimmung um CDU-Vorsitz: CDU vor Richtungsentscheid

Furcht vor Huawei: Trump macht Indien Druck beim Thema 5G

Furcht vor Huawei: Trump macht Indien Druck beim Thema 5G

Karneval in Stolzenau: Prunksitzung 2020

Karneval in Stolzenau: Prunksitzung 2020

Anonyme Drohung an Göttinger Hainberg-Gymnasium: Polizei im Großeinsatz

Anonyme Drohung an Göttinger Hainberg-Gymnasium: Polizei im Großeinsatz

Meistgelesene Artikel

Unverkennbar menschlich, wundersam verformt

Unverkennbar menschlich, wundersam verformt

Gibt es „schwarzes Bewusstsein“?

Gibt es „schwarzes Bewusstsein“?

Der zweite Blick

Der zweite Blick

Zur Entspannung etwas Mozart

Zur Entspannung etwas Mozart

Kommentare