Das Museum Wilhelm Busch zeigt Ronald Searles Werke

Schmierig am Strand

Bilder vom Strand: Spitznasige Frauen mit Hut und Hündchen treffen in Searles „Palm Springs“ auf schmerbäuchige ältere Herren – natürlich inklusive Zigarre.
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Bilder vom Strand: Spitznasige Frauen mit Hut und Hündchen treffen in Searles „Palm Springs“ auf schmerbäuchige ältere Herren – natürlich inklusive Zigarre.

Hannover – Eine Stippvisite im Museum Wilhelm Busch? Wer so plant, ist auf dem falschen Dampfer – für die laufende Ausstellung sollte man eher eine Tagesreise anpeilen. Sie heißt „Ronald Searle: Ein Künstlerleben“, und besagtes Leben war nicht nur sehr lang, sondern auch äußerst facettenreich.

Und keineswegs immer leicht. Searle, der mit 91 Jahren starb und im März dieses Jahres 100 geworden wäre, hat mehrere Jahre in der Hölle verbracht: Als britischer Soldat in Singapur stationiert, geriet er 1942 in japanische Kriegsgefangenschaft und musste beim Bau der Siam-Burma-Bahn, auch bekannt als „Death Railway“, unter schwersten Bedingungen Zwangsarbeiten verrichten. Wann immer sich die Gelegenheit bot, zeichnete er – das half ihm beim Überleben.

Es ist daher wenig erstaunlich, dass der Künstler in den Augen von Museumsdirektorin Gisela Vetter-Liebenow, die Searle persönlich gut kannte, keineswegs ein Spaßvogel war. Ebenso wenig aber ein verbittertes oder mit Vorurteilen behaftetes Gemüt: „Das Gute im Menschen hat er sehr wohl wahrgenommen.“

1920 in Cambridge geboren, lebte Searle seit 1961 in Frankreich. Diese Kombination spiegelt sich gleichsam in seiner Kunst: Es gibt eine gewisse Eleganz, es gibt emotionale Tiefe, und es gibt schwarzen Humor. Zu den bekanntesten Arbeiten des Zeichners gehören die Bilder aus dem Mädcheninternat St. Trinian‘s, die von 1946 bis 1952 entstanden. Die Erzieherinnen und vor allem die meist schwerbewaffneten Schülerinnen leben hier hemmungslos ihren Sadismus aus – im Vergleich zu diesen mordlustigen Gören wirken Max und Moritz mit ihren Streichen wie Waisenknaben. Die große Popularität der mehrfach verfilmten Szenerie war Searle so suspekt, dass er St. Trinian‘s zeichnerisch eine Reise ohne Wiederkehr bescherte: In der letzten Folge schafft eine Atombombenexplosion die irre Schule aus der Welt. „Absolut typisch für Searle“, findet Vetter-Liebenow. „Sobald er den Eindruck hatte, auf etwas festgelegt zu werden, zog er radikal einen Schlussstrich.“

Tatsächlich hatte der Künstler viel mehr zu bieten, und die Schau kann es zeigen, weil Searle dem Museum Wilhelm Busch besonders stark verbunden war und auf seinen Wunsch der Nachlass ins Haus gekommen ist – die Stiftung Niedersachsen hat ihn erworben und dem Museum als Dauerleihgabe zur Verfügung gestellt. So finden sich hier die berühmten Bilder von mal durchtriebenen, mal leicht weggetretenen Katzen. Politische Karikaturen. Die liebevollen Blätter für Ehefrau Monica. Oder die Impressionen von zahlreichen Reisen: Verspielt wirkt das Blatt über das hannoversche Café Kröpcke, wo sich Max und Moritz über eine Torte hermachen, missgünstig beäugt von übergewichtigen Figuren an den Nebentischen. Die wiederum noch harmlos dargestellt sind im Vergleich mit den Menschen, die in Searles Sicht Miami Beach bevölkern: Spitznasige Frauen, trotz der Hitze mit Pelz über den Schultern, stolzieren da neben schmierbauchigen Männern einher.

Es gibt Exemplare aus Searles berühmter Sammlung alter Karikaturen, die ebenso die Klassiker Thomas Rowlandson, George Cruikshank und James Gillray enthält wie unbekanntere Zeichner, etwa Henry William Bunbury oder John Leech. Und auch der ganz und gar ernste Searle kommt in dieser Ausstellung zu seinem Recht. So wird die eingangs erwähnte Kriegsgefangenschaft dokumentiert. Der Zeichner hat auch Flüchtlingslager besucht und 1961 im Auftrag des amerikanischen Magazins „Life“ den Eichmann-Prozess vor Ort verfolgt – die Blätter zeigen einen fast emotionslosen Angeklagten ohne jede Spur von Reue. Damit noch lange nicht genug. Es gibt Skizzenbücher, Fotografien, von Searle entworfene Medaillen und ein Minikino – der Künstler hatte einigen Einfluss auf die Entwicklung des Animationsfilms. Und eine unscheinbare Vitrine gibt vielleicht besonders gut Auskunft über die mannigfachen Facetten des Ronald Searle: Zu sehen sind hier Briefe aus zwei Korrespondenzen – eine mit Loriot und eine mit Schriftsteller Samuel Beckett, dem Großmeister des Absurden.

Sehen

Die Ausstellung ist noch bis 22. November zu sehen.

Von Jörg Worat

Der Künstler selbst: Eine Aufnahme von Ronald Searle aus dem Jahr 1948.

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