„Koi No Yokan“ von den Deftones

Schmetterlinge im Soundgewitter

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Kreiszeitung Syke

Syke - Von Matthias Berger. „Koi No Yokan“ haben die Deftones ihr neues Album betitelt – aus dem Japanischen übersetzt heißt das „Liebe auf den ersten Blick“.

Die Schmetterlinge im Bauch werden auf dem siebten Werk des kalifornischen Quintetts einem heftigen Soundgewitter ausgesetzt. Das klingt, als würde die Metal-Band Pantera den melancholischen Pop von The Cure verprügeln. Mit anderen Worten: großartig. Dass die Deftones zwölf Jahre nach ihrem Meisterwerk „White Pony“ einen ebenbürtigen Nachfolger präsentieren, verdankt die Band ausgerechnet einem schweren Schicksalsschlag.

4. November 2008: Bassist Chi Cheng sitzt auf dem Beifahrersitz des Autos seiner Schwester. Er trägt keinen Sicherheitsgurt. Mit 90 km/h rammt ein anderer Wagen das Auto, das sich dreimal überschlägt. Cheng wird aus dem Wagen geschleudert und fällt ins Koma. Die Deftones legen das fertige Album „Eros“ auf Eis, um die Genesung ihres Freundes abzuwarten. Bis heute hat Cheng sich jedoch nicht von den Folgen seines Unfalls erholt. Schließlich beschließt die Band, Sergio Vega (ehemals Quicksand) als Ersatz anzuheuern und ein komplett neues Album einzuspielen. Ein Neubeginn für die Band, die von den Grabenkämpfen zwischen Sänger Chino Moreno und Gitarrist Stephen Carpenter zunehmend zermürbt wird. Mit „Diamond Eyes“ (2010) gelingt den Deftones ein rohes, vor Energie berstendes Lebenszeichen. Ein Vorbote auf das, was jetzt folgt.

„Koi No Yokan“ – „Liebe auf den ersten Blick“: Die Deftones liefern ihren Fans reichlich Gründe, auch ihr siebtes Werk mit nach Hause zu nehmen. Hypnotische Gitarrenriffs, die den Hörer umschlängeln, bis die Rhythmusabteilung zum Frontalangriff bläst. Gesang, der das Ohr umschmeichelt, in Melodien schwelgt – nur um im nächsten Moment mit markerschütterndem Geschrei in den Abgrund zu stürzen.

Der Unfall von Chi Cheng wirkt wie ein Weckruf, wie ein Realitätscheck. Die Bandmitglieder realisieren, dass sie bei den Deftones das tun können, was sie lieben: Musik erschaffen, die etwas bedeutet. „Koi No Yokan“ lebt von dieser wiederentdeckten Liebe zur Musik. Carpenter reiht in Songs wie „Romantic Dreams“, „Leathers“ und „Goon Squad“ Killer-Riff an Killer-Riff, die Moreno mit Ohrwurm-Melodien veredelt. Drummer Abe Cunningham und Bassist Sergio Vega bilden das Rückgrat, dass die Songs bei allen Dynamik-Eskapaden in der Spur hält. Die Produktion von Nick Raskulinecz ist ebenso druckvoll wie vielschichtig. Die Soundscapes von DJ Frank Delgado sorgen für einen dichten „Wall Of Sound“.

Nie gelang den Deftones besser die Vermählung von ohrenbetäubenden Krach und zärtlichen Melodien als in „Tempest“ und „Rosemary“. Nie waren die Deftones näher am Synthie-Pop als bei dem Ruhepol „Entombed“. Das ihnen auch die Hasskappe noch steht, beweisen sie mit „Poltergeist“. Mehr denn je emanzipiert sich die Band vom Kontrast zwischen laut und leise, der seit „Smells Like Teen Spirit“ zu den zehn Geboten des Alternative-Rock gehört. Und liefert den Beweis für ihre Fähigkeit, sich weiterzuentwickeln, ohne an Faszination einzubüßen.

Deftones: „Koi No Yokan“, Reprise Records: 16,99 Euro.

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