Schmalz, Schmelz und Gewalt

Stadttheater Bremerhaven gräbt „Mariechen von Nimwegen“ aus

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Will auf eigenen Füßen stehen: Mariechen entrinnt in Bremerhaven den Fängen des Teufels.

Bremerhaven - Von Rolf Stein. Auf dem nächtlichen Heimweg durch den Wald gerät eine junge Frau dem Teufel in die Fänge. Der führt Böses im Schilde, verfügt aber durchaus auch über Charme. Weshalb Mariechen, so der Name der jungen Frau, für einige Jahre mit dem Leibhaftigen um die Häuser zieht. Als der Zirkus in der Stadt ist, will sie aber lieber einer Laienspieltruppe zuschauen, als mit dem Teufel weiterzuwandern. Dafür muss sie büßen: Der Fiesling stößt sie von der höchsten Wolke herab.

Das klingt, selbst um Pfingsten herum, nicht gerade nach 2019, oder? Nun ist man als Opernbesucher ja in dieser Hinsicht durchaus Kummer gewohnt. Und ein beherzter Zugriff seitens der Regie kann auch eine völlig aus der Zeit gefallene Geschichte noch in ein interessantes Licht tauchen. Das Stadttheater Bremerhaven, unter seinem Intendanten Ulrich Mokrusch bekannt als Ort für spannende Neuentdeckungen seltener Opern, hat sich dieser Aufgabe nun gestellt. Am Samstag vor Pfingsten feierte dort „Mariechen von Nimwegen“ von Bohuslav Martinu Premiere. Fast eine deutsche Erstaufführung, denn das Werk stand bislang gerade einmal auf dem Spielplan eines deutschen Theaters, und das war 1966.

Dabei erfreut sich das 1934 vollendete und 1935 in Brünn uraufgeführte Werk, das im Original „Hry o Marii“ heißt, in Tschechien durchaus einer gewissen Beliebtheit. Aber das mag dem Stolz auf den großen Sohn der Nation geschuldet sein. Ulrich Mokrusch, der „Mariechen von Nimwegen“ inszeniert hat, hat das Stück auf den Prolog nach einer biblischen Geschichte und eines der – zumindest im Original – drei Marienspiele eingekürzt. Mit knapp 80 pausenlosen Minuten ist so ein vergleichsweise kompakter Musiktheaterabend entstanden, der sich unbedingt sehen lassen kann.

Halb zog er sie, halb sank sie hin – Vikrant Subramanian (Teufel, v. l.), Julia Bachmann (Mariechen) und Marc Vinzing (Prinzipal).

Für den Prolog nutzt Mokrusch höchst wirkungsvoll den Theaterraum, lässt den Chor vom Balkon und später auch von den Seiten singen. Als sich dann noch die Seitentüren des Theaterraums öffnen und geheimnisvolles Licht in den Raum lassen, hat man beinahe schon seine humanistische Schuldbildung vergessen.

Allerdings geht es dann schon deutlich weltlicher weiter. Julia Bachmann, die bei der Premiere die wenige Tage zuvor erkrankte Victoria Kunze vertrat, verleiht diesem Mariechen eine Vitalität, gegen die des Teufels Anwerbeversuche machtlos sind, da kann Vikrant Subramanian noch so viel Schmalz, Schmelz und Gewalt aufwenden. Marc Vinzing vom Schauspiel erzählt die Geschichte des Mariechens als naiver Chronist mit ohnmächtiger Wut.

Ein hübsches kleines Inszeniernugsjuwel ist die Jahrmarktszene: Mit Slapstick-Komik zeigt Mokrusch ein Theater im Theater. Leo Yeun-Ku Chu als tölpelhafter Jesus, Patrizia Häusermann als Maria mit Heiligenschein und MacKenzie Gallinger als römischer Soldat können hier glänzen.

Okarina Peter und Timo Dentler haben für diesen Abend eine eindrucksvoll schlichte Bühne geschaffen: Ein gigantischer Bretterrost fährt herunter und hebt sich wieder, ist Spielfläche und geheimnisvoll durchleuchteter Bühnenhimmel. Der Prolog wird vor einer bühnenhohen Projektion von Pieter Bruegels des Älteren „Sturz der gefallenen Engel“. Später dient das Bild, gleichsam auf menschliches Maß gestutzt, als Hintergrund des Jahrmarkttheaters. Und auch Mariechens Schicksal wird auf den Boden der Tatsachen geholt. Mokrusch deutet hier eher eine ganz weltliche Befreiung als jenseitige Erlösung an.

Auch musikalisch gibt es Grund zur Freude. Martinus Musik, an Kirchenmusik und Klassik ebenso geschult wie an modernen Ideen, Folklore und Jazz, mag nicht eben umstürzlerisch sein, findet aber eine eigenständige Sprache, die das Geschehen facettenreich vorantreibt. Ektoras Tartanis führt das Philharmonische Orchester Bremerhaven mit viel Gespür für den klanglichen Reichtum dieser Musik durch die Partitur.

Termine:

Mittwoch, 12. Juni, Sonntag, 16. Juni, Freitag, 21. Juni, Donnerstag, 27. Juni, jeweils um 19.30 Uhr, Stadttheater Bremerhaven.

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