Sasha Waltz weiht mit ihrer Compagnie die Foyers der Elbphilharmonie ein

Zum Schluss zieht es sich

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Tänzer von Sasha Waltz bei Proben in der Elbphilharmonie in Hamburg. 

Hamburg - Von Ulrike Cordes. Hoch über dem Hamburger Hafen, im zehnten Stock der gerade fertiggestellten Elbphilharmonie, verteilen sich 600 Besucher voller Erwartung über Treppen und Gänge. Streng und ernst erklingen in diesen Nutz- und Nebenräumen dann am Sonntagabend die nach Freiheit dürstenden Verse aus Francis Poulencs Werk „Figure Humaine – Menschliches Antlitz“ aus dem Kriegsjahr 1943, das der Performance den Titel gegeben hat. Es singt, an zwei Standorten, der Chor „Vocalconsort Berlin“ unter der Leitung von Nicolas Fink. Und dann kommen sie: die Tänzer und Tänzerinnen der Compagnie „Sasha Waltz & Guests“.

Behände scheinen sie in ihren schlichten schwarzen, grauen und marineblauen Gewändern die Zuschauermenge förmlich zu infiltrieren. Wellenförmig werfen sich fünf von ihnen etwa mit hoch gestreckten Armen immer wieder gegen eine Brüstung, bewegen sich kreisend hin und her. Andere schlängeln sich zwischen dem Publikum hindurch – und wirken dabei wie Treibgut im Meer.

Im Verlauf der nächsten zweieinhalb Stunden werden die Tänzer über sechs Etagen weiter nach oben ziehen – und die Besucher, unter ihnen Hamburgs Erster Bürgermeister Olaf Scholz (SPD) –mit sich nehmen. Oft sakral anmutende Musikwerke, unter anderem von Hildegard von Bingen, Bach, Boccherini, Lachenmann und Widmann, umspannen bei der Uraufführung die Performance, mit der Sasha Waltz die Foyers der Elbphilharmonie erkunden lässt.

Sie gerät zu einer wahren „Einweihung“ dieser Räume – so, wie die Ballettchefin es zuvor erklärt hatte. Am Ende jubelt das Publikum, spendet minutenlangen Beifall. Und für Waltz gibt es einen Blumenstrauß von Elbphilharmonie-Intendant Christoph Lieben-Seutter, dessen Haus samt dem spektakulären, weinbergartigen Konzertsaal erst am 11. Januar mit einem Festkonzert offiziell eröffnet wird.

Die 80 Tänzer, Chorsänger und hochkarätigen Instrumentalsolisten sowie das Publikum bespielten jedoch bereits am Sonntag den Saal. Allerdings erklang dabei kein Ton: Es herrschte Schweigen, als Musiker mit ihren Instrumenten auf der Bühne standen, die Compagnie die Sitzplätze ausprobierte und schließlich 17 Tänzerinnen eine wilde Darbietung zelebrierten.

„Gott, ist das schön – ich könnte losheulen“

„Ich bin überwältigt. Gott, ist das schön – ich könnte losheulen“, sagte eine Besucherin, die 69-jährige Hamburgerin Gisela Stegle, ergriffen von dem dabei in matter Beleuchtung schimmernden Konzertsaal. Da hätte der Abend eigentlich schon fast zu Ende sein dürfen, denn zum Schluss zog sich die Performance doch etwas in die Länge.

Nichtsdestotrotz bot sie in ihrem Verlauf jedem Besucher individuelle Möglichkeiten der Erkundung der ein wenig labyrinthischen Foyers samt ihren Bars. Und lieferte Anlass zu vielfältigen Assoziationen: Die reichten von Wellen, Fluss und Meer bis hin zur Lebensreise der Menschen mit ihren Kämpfen sowie Sehnsüchten nach Liebe und Freiheit. Und wie am Anfang stand auch am Ende des Abends Poulencs Kantate für Doppelchor.

Waltz hatte sich in den vergangenen Jahren mit ihrer Truppe schon mehrfach in von ihr sogenannten „Dialog“-Projekten mit öffentlichen Bauten auseinandergesetzt, so dem Jüdischen Museum (1999) und dem Neuen Museum (2009) in Berlin. Bei den Foyers handelt es sich erstmals um nicht für Kunst bestimmte Räume. Die 1963 in Karlsruhe geborene Choreographin wurde unter anderem mit dem Europäischen Theaterpreis 2008 und dem Bundesverdienstkreuz am Bande geehrt. 

dpa

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