Deutlich weniger Filme beim diesjährigen Oldenburger Filmfest / Nicht jede Produktion war eine Offenbarung

Am Schluss schlurfte der Frosch

Timothy Bottoms

Von Wilfried HippenOLDENBURG (Eig. Ber.) · Natürlich waren die Kürzungen zu bemerken.

Da in diesem Jahr etwas über 60 000 Euro an Fördergeldern weniger zur Verfügung standen (wir berichteten), musste beim Filmfest Oldenburg gekürzt werden, und diesem Zwang fiel unter anderem der traditionelle und sehr beliebte Kinobrunch am Sonntagmorgen zum Opfer. Es wurden auch deutlich weniger Filme gezeigt, und wenn etwa die mit der Schauspielerin Deborah Kara Unger hochkarätig besetzte Jury für den „German Independence Award“ ihre Auswahl unter gerade mal vier Filmen treffen musste, ging dies schon hart an die Grenze.

Wenn dennoch die Zuschauerzahlen fast so hoch sind wie im letzten Jahr, kann dies als ein eindeutiges Votum der Oldenburger für ihr Filmfest gewertet werden. Tatsächlich konnten zwischen Mittwoch und Sonntag wieder viele Entdeckungen in den Kinosälen gemacht werden, die im normalen kommerziellen Kinobetrieb, aber auch bei anderen Filmfesten nicht gezeigt werden. Der Festivalgründer und Programmmacher Thorsten Neumann hatte schon immer eine Vorliebe für das schräge, unbequeme und gewagte Kino. Lupenreine Filmkunst wird man in Oldenburg kaum finden, und auch in diesem Jahr war nicht jeder Film eine Offenbarung. Dafür ist es nie langweilig, und zu den Qualitäten des Filmfestes gehört auch, dass man sich hier wunderbar über einzelne Werke streiten kann.

In diesem Sinne war auch die diesjährige Retrospektive ein Erfolg. Der Regisseur Radley Metzger war in den späten sechziger und frühen siebziger Jahren einer von den Filmemachern, die versuchten, erotische Filmkunst zu machen. An luxuriösen europäischen Drehorten drehte er sehr kultivierte Spielfilme, die durch Werke von Pirandello oder Max Ophüls inspiriert wurden, und in der Darstellung von Sexszenen immer genau so weit gingen, wie die Zensoren es erlaubten. In Oldenburg wirkte der inzwischen 81 Jahr alte Metzger wie ein würdevoller Patron der Sexwelle, und der Oberbürgermeister von Oldenburg Gerd Schwandner sorgte in seiner Eröffnungsrede für einen schönen Lacher, als er gestand, dass er sich als 17-Jähriger heimlich in einen von Metzgers Filmen geschlichen hatte.

Der diesjährige Tribut war dem Schauspieler Timothy Bottoms gewidmet, der in den frühen Siebzigern mit seinen zentralen Leistungen in den beiden Filmen „Johnny Got his Gun“ und „The Last Picture Show“ reüssierte. So guten Rollen bekam er nie wieder, obwohl er in den neunziger Jahren mit der Rolle von George W. Bush in einer Fernsehserie ein Comeback hatte und im Abschlussfilm des Festivals „Pound of Flesh“ seinem Co-Star Malcolm McDowell einige Szenen stehlen kann. In Oldenburg fühlte er sich sichtlich wohl und war offen für jedes Gespräch – sei es im Kino, auf der Straße oder bei einer der vielen, nicht umsonst so hochgerühmten Partys. Und dennoch hatte er immer auch diesen scheuen, introvertierten Blick, der ihm in seinen ersten Filmen seine einzigartige Präsenz gab.

Bei jedem guten Filmfest gibt es nach ein paar Tagen bei den Besuchern, den Gästen und Journalisten ein Geraune über ein paar Filme, die als Favoriten gehandelt werden. In diesem Jahr war dies zum einen der Wettbewerbsfilm „Picco“ von Philip Koch, der in einer zum Teil kaum erträglichen Intensität vom Alltag in einem deutschen Jugendgefängnis erzählt, und wegen seiner Härte nicht in der Spielstätte JVA gezeigt wurde, obwohl er thematisch ideal dorthin gepasst hätte. Auch die Jury bewerte ihn als außergewöhnlich und wählte ihn einstimmig als besten deutschen Film aus. Einen extremeren Gegensatz dazu als den Publikumsliebling „The Happy Poet“ des texanischen Filmemachers Paul Gordon ist kaum vorstellbar. In dieser lakonischen Komödie wird von dem Bill erzählt, der trotz seines Lyrik-Diploms keine Gedichte schreibt, sondern lieber in Austin einen vegetarischen Imbiss eröffnet, dessen Spezialität der „Eiersalat ohne Eier“ ist. Der Filmemacher spielt selber die Rolle und scheint so identisch mit dem phlegmatischen Antihelden zu sein, dass die Gespräche mit ihm so wirkten, als würde der Film real weitergehen. Genauso schlurfend nahm er dann auch bei der Abschlussgala den Publikumspreis entgegen und brachte so das Filmfest, dessen Maskottchen ja der Frosch gewesen war, zu einem stimmigen Ende.

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