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Yona Kim wirft in Hamburg ein neues Licht auf
Puccinis „Turandot“

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Eine Szene aus der Hamburger „Turandot“-Inszenierung.
Opfer überall: Regisseurin Yona Kim räumt in ihrer „Turandot“-Inszenierung mit dem Bild des Märchens aus uralten Zeiten auf. © dpa

Kein Märchen aus einem fernen Land, sondern einen Blick auf die Auswüchse einer männlich dominierten Gesellschaft zeigt Yona Kim in ihrer Hamburger „Turandot“-Inszenierung. Ein Abend, der unbedingt sehenswert ist.

Hamburg – Konsequent auf Erneuerung gerichtet sind die italienischen Opernwochen an der Staatsoper Hamburg mit Werken von Giacomo Puccini und Giuseppe Verdi. In einem Interview bemerkte Intendant Georges Delon auf die Frage, welchen Abend er auf keinen Fall verpassen möchte, dass dies die Neuproduktion von Puccinis letzter Oper „Turandot“ wäre. Und in der Tat, mit dieser Inszenierung ist den Hamburgern ein großer Wurf gelungen.

Dass es an der Zeit ist, Puccini musikalisch wie szenisch neu zu lesen, liegt auf der Hand. Noch eine Inszenierung als Märchenoper, das wäre langweilig. Radikaler noch als bei der Premiere von Richard Straussens „Elektra“ wurde ein neues Licht auf Puccinis Turandot geworfen.

Puccini schrieb keinen Schluss

Regisseurin Yona Kim erzählt die Turandot-Geschichte nicht als Märchen aus uralten Zeiten und fernem Land. Ihre Inszenierung hebt hervor, dass Giacomo Puccini ein Frauenbild vor Augen und Ohren führt, das sich von dem der früheren Werke des toskanischen Komponisten grundsätzlich unterscheidet: Gegenüber Manon, gegenüber der anrührenden Mimi der Boheme, gegenüber der weiblich-heroischen Tosca oder gar gegenüber dem armen Opfer Butterfly ist die chinesische Prinzessin Turandot kühl bis ins Herz, selbstbewusst und grausam. Das ist im Prinzip nichts Neues, aber Yona Kim zeigt, dass Turandots Haltung das Resultat einer männlich dominierten Gesellschaft ist, in der sich Frauen unterzuordnen haben, wenn die Männer drei Rätsel lösen. Hinter Turandot verbirgt sich aber eine sensible, intelligente Frau, die sich nicht mehr einem patriarchalischen Weltbild unterordnen will und einen Mann zwecks Erhaltung der Dynastie heiraten soll, wie es ihr Vater fordert. Da kann es nicht das übliche Happy End geben, das schon immer fragwürdig war. Zumal Puccini diesen Schluss nie geschrieben hat, da er nach der Vollendung der Arie der Sklavin Liù gestorben ist.

An dieser Stelle senkte sich auch in Hamburg der Vorgang, um nach einem Moment des Innehaltens mit dem Schluss von Puccinis Mitarbeiter Franco Alfano die Oper zu beschließen. Yona Kim hat dazu einen genialen Einfall: Turandot ersticht am Ende den triumphierenden Kalaf, der letztendlich aber auch Opfer seines despotischen Vaters ist.

Ausgeklügelte Bühnentechnik

Christian Schmidt (Bühnenbild), Falk Bauer (Kostüme) und Philip Bußmann (Video) entwarfen dazu ein asiatisch angehauchtes Ambiente im Stil des Art-Deco, verbunden mit bereits an Faschismus erinnernde Architektur, mit dekadenten smokingorientierten Edelklamotten der High Society der 20er-Jahre-Zeit, Militärs in Stiefelhosen, die auch Mussolini bevorzugte. Die Videos liefern unter an- derem Gesichter eines realen Volks von Peking, Gebetsfahnen und Aufmärschen. Hinzu kommt eine ausgeklügelte Bühnentechnik mit verschobenen, beweglichen Bühnenelementen.

Musikalisch ist diese Inszenierung ebenfalls eine Sternstunde. Dirigent Giacomo Sagripanti am Pult des großartig aufgelegten Philharmonischen Staatsorchesters Hamburg und des äußerst geschmackvoll singenden Chors der Staatsoper Hamburg (Einstudierung: Eberhard Friedrich) sorgte mit einer stringenten Tempikonzeption dafür, dass die Dissonanzen, die Momente des Befremdens und der Härte der Partitur, diese Mischung aus exotischen Anklängen, schroffer Moderne und Gefühlsseligkeit mit erstaunlicher Deutlichkeit zutage traten. So wird auch das Brutale des Gefühlstsunami, den diese Musik auslöst, hervorragend in Klang umgesetzt.

Großartige Ensembleleistung

Faszination auch auf der Bühne hinsichtlich der schauspielerischen und vokalen Stringenz. Guanqun Yu sang eine Liu von charakterlicher Größe und ergreifender stimmlicher Sensualität, subtil immer eine Spur reserviert, um so im letzten Auftritt vor ihrem Selbstmord auch Melancholie noch in ganz leisen Tönen fangen zu können.

Anna Smirnova lieferte als Kontrapunkt eine Turandot, die die halsbrecherischen Koloraturen ihrer Arien mit stupender Technik und bravouröser Souveränität im Ausdruck meisterte, ohne durch die extremen Lagen der Partie in Bedrängnis gebracht zu werden. Glanzpunkte setzte auch Gregory Kunde als Calaf, sein „Nessum dorma“ versetzte das Hamburger Opernhaus in einen brodelnden Hexenkessel. Roberto de Canadia, Daniel Kluge und Seungwoo Simon Yang formten die drei Minister Ping, Pang und Pong in selten zu hörender Einheit. Auch das restliche Gesangspersonal überzeugte ohne Abstriche.

Bedeutende Inszenierung

Eine bedeutende Inszenierung, die überzeugte und glücklicherweise eine Sichtweise lieferte, die Eindeutigkeit verweigert. Der Opernregisseur Götz Friedrich hat einmal die Forderung aufgestellt, dass Oper sich als brauchbar erweisen muss für Fragen, die die Menschen unserer Zeit bewegen. Das hat Yona Kim beeindruckend umgesetzt und subtil einen aktuellen Bezug zu unserer friedlosen Zeit gesetzt, der zum Nachdenken anregt.

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