Lars-Ole Walburg inszeniert „Die Nacht von Lissabon“

Schluss mit lustig

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Nationalistische Parolen tun weh: Silvester von Hösslin als Josef Schwarz in der „Nacht von Lissabon“. 

Hannover - Von Jörg Worat. Der Psychologie-Dozent ist schlecht drauf. Die Anzahl „älterer Gasthörer“ missfällt ihm, und überhaupt scheint er nicht die geringste Lust zu haben, über „Postnomadische Traumatisierung“ durch Krieg und Verfolgung zu referieren, wie es die Projektion im Hintergrund anpreist. Eher beiläufig kommt der Nieselpriem auf Erich Maria Remarques Roman „Die Nacht von Lissabon“ zu sprechen. Und nun geht die Post ab.

Wir befinden uns nicht im Hörsaal, sondern in der Cumberlandschen Bühne Hannover und wohnen einer Premiere bei, die Staatsschauspiel-Intendant Lars-Ole Walburg inszeniert hat. Dessen Skepsis gegenüber dräuender Sentimentalität ist bekannt, insofern kann der verfremdende Auftakt kaum verwundern. Der indes durchaus amüsant ausfällt; und vor allem ist danach Schluss mit den Spässeken – glücklicherweise, denn die würden auf Dauer der Geschichte nicht gerecht werden.

Walburg hat auf der großen Schauspielhaus-Bühne schon bei Remarques „Im Westen nichts Neues“ Regie geführt. Sehr effektvoll und sehr erfolgreich, doch angesichts von Spielort und Stoff lautet das Motto diesmal Reduktion: Silvester von Hösslin agiert monologisch, nur unterstützt von Musiker Lars Wittershagen.

Tickets und Visa aus heiterem Himmel

Es geht um ein aktuelles Thema, wiewohl das Jahr 1942 den Ausgangspunkt bildet. In Lissabon geschieht ein Wunder: Ein Emigrant, der in die USA will, ohne über Geld oder Papiere zu verfügen, bekommt Tickets und Visa aus heiterem Himmel angeboten. Von einem Mann, der sich Josef Schwarz nennt und nur eine Bedingung für die Wohltaten stellt: Man möge seine Geschichte anhören. Und bewahren.

Es ist die Geschichte einer Odyssee. Der Erzähler hat nach längerer Trennung seine Frau in Osnabrück aufgesucht; beide gemeinsam wollten nun Deutschland verlassen. Über die Schweiz geht die Reise nach Frankreich, der Krieg bricht aus, die Liebenden geraten in getrennte Lager. Flucht, unglaubliche Zufälle, sogar ein Mord prägen das weitere Geschehen. Das just in dem Moment, als alles gut ausgehen könnte, eine tragische Wendung nimmt.

Darsteller Silvester von Hösslin, durch schlichtes Ankleben eines Schnurrbarts vom grantigen Dozenten zu „Josef Schwarz“ mutiert, ist im Wesentlichen auf sich allein gestellt. Wenngleich Walburg natürlich die theatralen Mittel souverän beherrscht: Lichteinsätze etwa, die der Bühne in der Dom-Szene einen violetten Touch verpassen und während einer Autofahrt sanft vor sich hin wabern. Auch taucht irgendwann überraschend ein zweiter Raum auf, in lichter Höhe und um 90 Grad gekippt, so dass der Stuhl an der Wand hängt.

Von Hösslin zieht sich auf offener Bühne um und einmal komplett aus, doch steht hier kein virtuoses Spiel mit Kostümen im Vordergrund. Wirkung erzeugt in allererster Linie die Sprache, eine wunderbar rhythmisierte Sprache, die das Geschehen über weite Strecken trägt. Musiker Wittershagen steuert an seinem Pult zumeist eher subliminale Klänge bei, hat auch ein paar Spielszenen und darf einen Wasserkübel auf den Kollegen ausleeren.

Manchmal artikuliert er etwas unklar, und überhaupt ist die akustische Ebene nicht immer so ausgewogen wie gewünscht. Dass die nationalen Parolen, die da aus einem von der Decke hereingefahrenen Lautsprecher dröhnen, überwiegend unverständlich bleiben, ist sicher genau so konzipiert und auch nachvollziehbar; wenn allerdings an anderer Stelle die Soundkulisse die Rede der Hauptfigur übertönt, stimmt die Balance nicht mehr. Und den Einbruch des Krieges könnte man vielleicht raffinierter darstellen als mit infernalischem Lärm samt Lichtgeflacker.

Aber letztlich beschädigt all das nicht dauerhaft den Zauber, der etwa entsteht, wenn von Hösslin mit viel Feinfühligkeit und einem sehr sympathischen Maß an hauchzart unsauberen Tönen plötzlich den Beatles-Song „Here, There and Everywhere“ anstimmt.

Viel Beifall für die Akteure, Regisseur Walburg (im „Refugees-Welcome“-T-Shirt) und Ausstatterin Tine Becker. Das war sehr gut. Und wenn sich künftig die Feinjustierung immer mehr einschleift, wird es womöglich noch besser.

Weitere Vorstellungen heute und am 28. Februar (ausverkauft) sowie am 3., 17. und 25. März, 20 Uhr, Cumberlandsche Bühne, Schauspielhaus Hannover.

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