„Offene Wunden“: Die Bremer Galerie K‘ zeigt beklemmende Osteuropa-Fotos von Miron Zownir

Schlaglicht auf das Leid der Freiheit

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Szene aus dem polnischen Lodz: Miron Zownirs Bilder sind in der Bremer Galerie K‘ zu sehen.

Bremen - Von Tim Schomacker. Jemand im Tigerkostüm posiert in einem Hinterhof. Den bezahnten Kopf hoch Richtung Kamera gerichtet, streckt das Tigerwesen Arm und Bein von sich.

Der Boden des Hinterhofs ist schmutzig, ein paar Gegenstände liegen herum, vorne rechts ragt eine Leiter ins Bild. Die Häuser umschließen das Areal wie Galerien eine elisabethanische Bühne. Nur ist diese Bühne in Kiew aufgenommen und im Jahr 2011. Der 1953 in Karlsruhe geborene Schriftsteller, Filmemacher und Fotograf Miron Zownir bereist seit Mitte der 1990er Städte, die früher zu etwas gehörten, was manche „Ostblock“ nannten. Eine Auswahl dieser Aufnahmen ist nun in der neuen Bremer Galerie K‘ zu sehen.

Die Aufnahmen setzen Zownirs Fotoarbeiten aus den 1980er Jahren fort, in denen er diverse Rückseiten amerikanischer und deutscher Städte erkundete – auch um künstlerischem, sozialem, sexuellen Underground Gesichter zu geben. „Meine Kompromisslosigkeit hat mir Lebenssituationen aufgedrängt, in denen ich mich behaupten und wehren musste“, hat Zownir einmal gesagt. „Hätte ich mit meiner Arbeit über den täglichen Wahnsinn früh Erfolg gehabt, hätte ich nicht mehr in Slums gelebt.“ Wo und wie er lebt, hat unmittelbaren Einfluss auf Zownirs künstlerische Arbeit.

Ob er Obdachlose in New York fotografiert, Transsexuelle in St. Petersburg, Punks in Berlin, sterbende Alte in Moskaus Straßen oder eben Tiger in Kiew, nie begegnet Zownir – darin liegt das Berührende, Anrührende, manchmal Schockierende seiner Bilder – den porträtierten Menschen als Kunsttourist. Vielleicht begegnet er ihnen nicht einmal in erster Linie als Fotograf. Sondern schlicht als Miron Zownir. Der sich Menschen gelegentlich eben schreibend und fotografierend nährt.

Es ist der Blick eines jederzeit Beteiligten, von dem diese Bilder erzählen. Intimität statt Distanz. Und zugleich Kunst. Kaum jemand Vergleichbares fällt einem ein: am Ehesten noch der 1992 an Aids gestorbene, Kunst nicht minder intensiv lebende amerikanische Autor und Fotograf David Wojnarowicz.

„Offene Wunden“ ist die Ausstellung betitelt. Dass die Bilder – wie der Untertitel sagt – „aus dem freien Osteuropa“ stammen, wirkt fast wie programmatischer Hohn: Worin genau besteht denn diese postsozialistische Freiheit, mag man sich bei einer tryptichonartig arrangierten Bilderfolge fragen. Drei Bilder, auf denen je eine Frau zu sehen ist. Alle drei liegen auf dem Boden, draußen, Beine und Füße jeweils eigentümlich genug gedreht, dass man sich fragt, ob sie denn überhaupt noch leben. Und, wenn ja, ob dieses Leben auf der Straße, in Armut und unter permanenten Gewaltandrohungen unterm Strich der Nichtexistenz irgendwas substanziell entgegenzusetzen hätte. Bukarest 2009: Ein Bild zeigt drei knallweiße, furchteinflößende Hunde auf einer ruppigen Rasenfläche. Den Bildhorizont zerfransen Hecken und Hochhäuser. Ein Bild zeigt einen aus Matratzen und Müll geschichteten Hinterhofhaufen. Er scheint zwischen schmuddeligen Mietskasernen zu schwimmen.

War in den Porträtaufnahmen, die 1997 der szenelegendäre Zownir-Bildband „Radical Eye“ versammelte, mit ihrem Posieren, ihrer oft selbstbewusst zur Schau gestellten Andersartigkeit (sexuellen zumal, auch in Bezug auf Lebensentwürfe) eine Komplizenschaft zwischen Fotograf und Modell zu spüren, die individuelle Freiheit gegen Normen und Widerstände behaupten wollte (und auch konnte), kippt mit den hier schlaglichtartig dokumentierten Osteuropabesuchen die Freiheitsbegrifflichkeit. Je offensiver sie staatspolitisch herausposaunt wird, desto mehr individuelles Leid bleibt in Rinnsteinen oder U-Bahn-Aufgängen hängen. Zownirs Fotografien tragen etwas an seine Porträtierten heran, worum diese sich kaum mehr selbst kümmern zu können scheinen. Früher nannte man das einmal Würde. Für uns Betrachter reißt das eine Kluft auf. Zwischen unserer täglich erlebten Gegenwart – und den (bisweilen tödlich) verwundeten Leben derer auf den Bildern.

Bis 22. Februar im K‘ – Zentrum Aktuelle Kunst, Alexanderstraße 9b in Bremen.

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