Brahms Requiem in der Elbphilharmonie

Schlackenlos ins Jenseits

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Dirigent Bernard Haitink.

Hamburg - Von Michael Pitz-Grewenig. Der niederländische Dirigent Bernard Haitink und das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks sind alte Bekannte: Wenige Tag nach seinem 89. Geburtstag dirigierte Haitink nun im ausverkauften großen Saal der Elbphilharmonie Johannes Brahms‘ „Ein deutsches Requiem“.

Zweifellos ein Saison-Höhepunkt. Hier zeigt sich erneut, wie wenig eindeutig die Werke von Brahms sind und wie unterschiedlich ein einzelner Dirigent ein Werk interpretieren kann.

Totentanz im Dreivierteltakt

Ein Aspekt zieht sich jedoch durch alle Aufnahmen von Haitink: Er fasst das Requiem als einen Prozess auf. Dabei bietet er eine hervorragende strukturelle Plastizität und Transparenz. Gleich der Anfang („Selig sind, die da Leid tragen“) fasziniert durch eine akzentuierte Gegenüberstellung des Chromatischen und des Dur-Moll-Kontrastes. Die verschiedenen musikalischen Bewegungs- und Ausdrucksformen werden so geschichtet, dass sie sich gegenseitig ergänzen und gleichzeitig kontrastieren. Der zweite Teil („Denn alles Fleisch es ist wie Gras“) lebt von der behutsam eingesetzten Energie des Dreivierteltaktes, der hier quasi als Totentanz fungiert. Behutsam leuchten hier sensible Orchester- und Chorpartien auf.

Der Chor des Bayerischen Rundfunks, an diesem Abend glänzend disponiert, baut nicht auf vordergründige Schlagkraft, sondern bietet vielmehr eine differenzierte, überwiegend weich abgetönte Klangfarblichkeit, wobei Haitink sorgsam darüber wacht, dass die Konturen nie verschwimmen. Spürbar die Absicht, den Chor nicht als brillant-perfektionistisches Instrument zu benutzen, sondern als Vermittler textlich-musikalischer Spiritualität. Durch das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks werden Mittel- und Nebenstimmen gut ausgeleuchtet, sodass an Satzdichte und Perspektive nichts verloren geht. Kompliment vor allem an die Bläser.

Ein Konzert auf höchstem Niveau

Camilla Tilling, Sopran, und Hanno Müller-Brachmann, Bassbariton, artikulieren biegsam und gefühlvoll. Bernhard Haitinks Zugriff in seiner Unmittelbarkeit, seiner inneren Folgerichtigkeit und die Schlackenlosigkeit von Solisten, Chor und Orchester bringt eine Art der Interpretation hervor, die in der heutigen Zeit des strukturellen Interpretierens immer mehr verloren geht. Wie man emotionale Unmittelbarkeit und strukturelle Durchdringung zusammenbringen kann, beweist dieses Konzert auf höchstem Niveau.

Brahms, der sich einmal als „authentisch heidnisch, aber auch authentisch menschlich“ bezeichnete, geht es mehr um die Darstellung eines allgemein Religiösen, das die Festlegung auf spezifisch christliche Glaubensinhalte vermeidet und mehr auf das exemplarische Gefühl einer allgemeinen Religiosität zielt. Angesichts der politischen Weltlage eine noch immer aktuelle Botschaft, die Bernard Haitinks Interpretation einsichtig darlegt.

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