Ab in die Schlacht: Timo Seber sucht in Bremen nach einer neuen, besseren Welt

Nur am Bildschirm ein Held

Etwas Training vor der virtuellen Schlacht: In der Schau von Timo Seber ist das möglich.
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Etwas Training vor der virtuellen Schlacht: In der Schau von Timo Seber ist das möglich.

Bremen - Von Mareike Bannasch. Am Computer sind sie alle Helden. Schlagen die blutigsten Schlachten, metzeln auch die bösartigsten Gegener nieder. Was müssen das für Kerle sein, diese tapferen Krieger, denen keine Anstrengung zu groß, kein Feind zu mächtig ist – und die einem niemals auf der Straße begegnen. Ihre Schlachtfelder sind nur die virtuellen Weiten, eine abgeschottete Welt mit begrenztem Zugang. Zumindest bislang. Denn hat es sich Timo Seber zur Aufgabe gemacht, die digitalen Heldentaten in die Realität zu überführen.

Der Berliner gewann im vergangenen Jahr den Columbus-Förderpreis für aktuelle Kunst in Kooperation mit der Arbeitsgemeinschaft deutscher Kunstvereine. Eine Auszeichnung, die sich an Künstler richtet, die gerade erst am Anfang ihrer Karriere stehen und sie ein halbes Jahr lang mit einem monatlichen Grundbetrag ausstattet. Doch nicht nur das: Außerdem bekommen die Sieger eine Prämie von insgesamt 30000 Euro mit der sie eine Einzelausstellung realisieren können.

Sebers Preisträgerschau in der Gesellschaft für aktuelle Kunst (Gak) auf dem Teerhof trägt den Titel „Twitch“ und beschwört die Vision von einer besseren Welt. Ausgehend von den virtuellen Weiten, in diesem Fall dem derzeit angesagten Videospiel „Dota 2“ lotet Timo Seber die Grenzen der Gesellschaft aus und definiert sie zugleich neu.

Als Dreh- und Angelpunkt fungiert eine Art Trainingslager, extra für die Räume in der Gak entworfen. Hier können sie sich vorbereiten, die zukünftigen Helden, die in fünfköpfigen Teams auch auf internationaler Ebene gegeneinander antreten. In Mannschaften, bei denen es nicht auf Geschlecht, Ethnie oder Einkommen ankommt. Und erst recht nicht auf Sportlichkeit. Wie ein überdeutlicher Fingerzeig wirken da die geflochtenen Seile, die auf dem Boden liegen oder auf Halterungen an der Wand gewickelt sind. Sie verströmen den typischen, leicht muffigen Turnhallengeruch und erinnern an die erste Blamage eines jungen Lebens: Den jämmerlichen Versuch, an den Seilen hinaufzuklettern. Eine Aufgabe, an der wohl auch der ein oder andere Computerspielfan gescheitert sein dürfte. Um dies noch zu unterstreichen, hat Seber die Seilenden mit Screenshots aus „Dota 2“ ummantelt. Ein siegreicher Krieger braucht manchmal eben mehr als muskelbepackte Arme.

Wichtiger ist da in Timo Sebers Welt schon eher der Teamgeist, der sich nicht am Hintergrund seiner Mitglieder orientiert, sondern vielmehr zur Einheitsuniform greift. Aus braunem Leder ist sie, die Rüstung für die Schlacht, in einer Art Vermischung der virtuellen mit der realen Welt prangt eine weitere Spielszene auf der breiten Brust. Spätestens beim Überstreifen dieser Kluft ist nun wirklich egal, woher der Held kommt.

Wer in dieser Parallelwelt das Rennen macht, war seinem Gegner strategisch überlegen – nicht mehr und nicht weniger. Eine perfekte Utopie tut sich da auf, in der es nicht auf Beziehungen ankommt, sich alle irgendwie liebhaben und ein geschlagener Krieger nach verlorener Schlacht nach nur einem kurzen Augenblick wieder zurückkehrt. Bei „Dota 2“ verkommt selbst der Tod zur unschönen Begleiterscheinung – und wird konsequent ausgeblendet.

In all diesen Elementen klingt immer wieder eine gewissen Körperlichkeit an, die aber nie verwirklicht werden kann. Sei es, weil die Rüstung zu steif geraten ist, um tragbar zu sein oder die Seile so schlaff herum hängen, dass sich auch der Stärksten nicht an ihnen hochziehen könnte.

So ist es auch bei den Luftmatratzen, die mit großen Glasplatten, auf denen Details von Tastaturen oder Computermäusen zu sehen sind, an den Wänden fixiert wurden. Für Übernachtungen in alpinen Hochlagen konzipiert, sind sie nur noch auf das Wesentliche beschränkt, perfekt auf menschliche Bedürfnisse ausgerichtet und erinnern trotz aller technischen Raffinesse doch immer noch stark an die Umrisse eines Körpers.

Weit ist der Mensch also nie in dieser digitalen Welt, die geprägt ist vom Wunsch nach einer Gesellschaft, in der Zuschreibungen keine Rolle mehr spielen, und von einer unstillbaren Faszination für die technischen Möglichkeiten. Eine Wirkung, die bei Timo Seber schon früh ihren Anfang nahm. In dem Bemühen, in seinen Arbeiten stets auch einen biografischen Bezug herzustellen, hat der Berliner ein riesiges Foto aufgehängt, das seinen Vater als Kind zeigt. Umgeben von zwei Freunden, die sein Werk neugierig und zugleich ungläubig bestaunen, tippt der Junge konzentriert auf einer Royal-Schreibmaschine. Referenz an eine Zeit, in der Mensch und Maschine ihre Beziehung gerade erst begannen – und virtuelle Schlachten noch undenkbar waren.

„Twitch“, bis 28. Juni, Gak, Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag 11 bis 18 Uhr, Donnerstag 11 bis 20 Uhr.

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