Musikjournalist Falk Schacht

„Schiller wäre heute Rap-Fan“

Der Berliner Rapper Sido hat mit dem Titel „Mein Block“ 2003 den ersten erfolgreichen Gangsta-Rap-Titel auf Deutschveröffentlicht. ·
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Der Berliner Rapper Sido hat mit dem Titel „Mein Block“ 2003 den ersten erfolgreichen Gangsta-Rap-Titel auf Deutschveröffentlicht. ·

Hamburg - Von Felix Gutschmidt. Wer das Geld hat, hat die Macht, und wer die Macht hat, bekommt die Frauen. So erklärt Mafia-Boss Tony Montana im Film Scarface 1983 die Welt. Gangsta-Rapper wie Haftbefehl, Bushido und Kollegah leben 30 Jahre später noch immer nach diesem Prinzip.

Sie glorifizieren das Leben auf der Straße und treten als Zuhälter, Dealer oder Gewalttäter auf. Ihre Platten stehen in den Charts weit oben. Verkaufen sich Sex und Gewalt einfach gut, oder steckt mehr dahinter? Ein Gespräch mit dem Musikjournalisten Falk Schacht.

Der Offenbacher Rapper Haftbefehl sagt in dem Lied „Blockparty“: „Ich bin ein waschechter Verbrecher, Abstecher.“ Wie soll ein jugendlicher Fan diese Zeile seiner besorgten Mutter erklären?

Falk Schacht: Gegenfrage: Warum muss sich ein Jugendlicher für die Texte von Haftbefehl rechtfertigen? Er hat sie nicht geschrieben. Wenn Eltern und Kinder ein vernünftiges Verhältnis haben, dann sollten sie erst mal miteinander darüber reden. Die Mutter sollte ihrem Kind keine Vorwürfe machen oder die Musik verbieten sondern fragen: „Was gefällt dir daran?“ Danach könnte man auch darüber reden, vor welchem Hintergrund solche Texte formuliert werden. Leider vergessen viele Eltern, dass sie selber auch mal jung waren. So entsteht ein Generationenkonflikt.

Wieso das?

Schacht: Ich verstehe, dass man von Gangsta-Rap-Texten geschockt sein kann, aber waren Bill Haley, die Rolling Stones oder die Sex Pistols nicht genau so eine Provokation in ihrer Zeit? Und aus den Kindern dieser Zeit sind doch auch vernünftige Mitglieder der Gesellschaft geworden. Die Provokation von damals ist inzwischen so entkernt, dass man Sex-Pistols-T-Shirts bei H&M kaufen kann. In 20 Jahren gibt es dann Bushido- und Sido-Shirts bei H&M. Was fehlt, ist ein Dialog der Generationen, und das liegt leider an den Alten, denn die nehmen für sich in Anspruch, die Vernünftigen zu sein. Doch dann müssten sie aus ihrer Verantwortung heraus auch vernünftig sein und vorangehen, was einen Dialog betrifft.

Fragen hat die Elterngeneration genug: Warum pflegen Gangsta-Rapper das Verbrecher-Image?

Schacht: Rapmusik trägt als Gegenkultur schon immer den Anspruch in sich, authentisch zu sein und sich nicht für den Mainstream zu verstellen. Wenn ein Rapper aus einem Umfeld kommt, in dem illegale Aktivitäten normal sind, warum sollte er dann nicht darüber rappen? Die schockenden Darstellungen muss man auch vor dem Hintergrund einordnen, dass man in drei Minuten dramaturgisch auf den Punkt kommen muss. Man hat nicht 90 Minuten wie in einem Mafia-Film. Auch wenn am Ende solche Rap-Musik von den Kids wie ein Mafia-Film konsumiert wird.

Wie viel Dichtung und wie viel Wahrheit steckt in den Texten?

Schacht: Das sind Künstler die aus einem Umfeld stammen, in dem so etwas passiert. Und in diesem Umfeld geht es darum, möglichst stark zu wirken, weil Konflikte eher mit Gewalt als mit Worten gelöst werden. Deshalb wird auch immer erzählt, man sei der Don oder der Boss. Und wenn wir ehrlich sind, macht der Rest der Gesellschaft jeden Tag etwas ähnliches. Wir stellen von uns ein Bild dar, mit dem wir uns wohl fühlen. Mein Haus, mein Auto, mein Boot – jeder versucht, auf den anderen stark zu wirken.

Ist dieser Ausdruck von Stärke auch eine Erklärung dafür, dass Gangsta-Rapper immer so tun, als wären sie die Größten?

Schacht: Jeder von uns hat das Verlangen, dass er Achtung und Respekt erlebt. Ohne diese Beachtung ist es so, als würde man nicht existieren. Und je weniger die Gesellschaft zuhört, desto mehr erhöht sich die Bereitschaft bei den Ungehörten, Dinge zu tun, die der Rest der Gesellschaft für komplett inakzeptabel hält. Ein Gangsta-Rapper ist lieber verrufen oder gefürchtet, als ein unbeachteter Niemand zu sein. Sie machen das mit Absicht. Und die Gesellschaft müsste ihnen zuhören, statt nur stumpf zurückzuschießen, was sie leider nicht besser macht als die Gangsta-Rapper, die sie kritisiert.

Welchen Hintergrund haben Drohungen und Beleidigungen in den Texten?

Schacht: Rap basiert auf einem Wettkampf der Worte. Es ist immer der Versuch, sich mit seinem Gegenüber auf künstlerischer Ebene zu bekämpfen anstatt körperliche Gewalt zu wählen. Dabei geht es kurz gesagt darum, sein Gegenüber möglichst kreativ mit Worten in seine Schranken zu weisen und so vor dem Publikum den Sieg davonzutragen. Das ist ähnlich wie in der Politik, wenn auch mit anderem Vokabular.

Dann ist das alles nur Show, und keiner wird verletzt?

Schacht: Natürlich gibt es auch die unsportliche Variante, wenn einer der Beteiligten die Beherrschung verliert. Im Hip-Hop gibt es viele Alpha-Männchen, da kommt es natürlich zu Konflikten. Aber dabei darf man nicht vergessen: Rapper versuchen grundsätzlich erst mal, Probleme mit Worten zu lösen, die Sprache ist ihr künstlerisches Geschäft. Wenn das dann nichts nützt im Konflikt, kann es natürlich auch handfest werden. Auch hier gibt es wieder eine Ähnlichkeit mit der Politik, da werden dann schon mal Soldaten geschickt und Krieg geführt.

Was ist mit dem Vorwurf, Gangsta-Rapper seien frauenfeindlich und homophob?

Schacht: Ich denke, wir sind uns einig, dass sie nicht so geboren werden. Gangsta-Rapper leben aber in einer Gesellschaft, in der der gepflegte Herrenwitz und Schwulenwitz immer noch ihr Publikum finden und die Kanzlerin sich offen gegen die Gleichstellung von Homosexuellen äußert. Diese Unstimmigkeiten in unserer Gesellschaft kommen im Rap natürlich auch zum Vorschein, wenn auch meist in indirekter Form. Die Gesellschaft muss sich selber die unangenehme Frage stellen, wie es möglich ist, dass so etwas entstehen kann in einem der reichsten Länder, mit einem der angeblich besten Bildungssysteme der Welt und dem Anspruch, dass jeder seine faire Chance erhält. Was läuft hier Falsch?

Losgelöst von den Inhalten: Welche Stilmittel sind charakteristisch für Gangsta-Rap?

Schacht: Sie benutzen wirklich alles – Bathos, Allegorie, Alliteration, Hyperbel, Metapher, Antithesis und so weiter. Für mich sind Rapper die Dichter von heute. Viele wollen nicht wahrhaben, dass es sich hierbei um die Goethe und Schiller der Jetztzeit handelt, weil sie den Inhalt über die Form stellen. Dabei haben Rapper das Reimen und Texten in Deutschland vorangebracht wie schon lange keine Generation davor. Ich spreche hier von den Mitteln – der Technik, den rhetorischen Figuren oder dem Versmaß – nicht so sehr vom Inhalt. Das wurde und wird bis heute nicht anerkannt. Goethe und Schiller wären heute Rap-Fans.

Welche Rapper haben sich besonders verdient gemacht?

Schacht: Das gilt eigentlich für alle. Torch war der erste, der auf Deutsch gefreestylt hat. Tone war der erste Rapper, der gezeigt hat, dass man deutsche Raps richtig gut fließen lassen kann. Davor war deutscher Rap oft sperrig und eckig. Dabei half Tone sein hessischer Dialekt, der einfach weicher Klingt als das harte Hochdeutsch. Das gilt auch für Samy Deluxe, die Beginner oder die Stieber Twins. Dendemann hat wie keiner vor ihm Doppelreime verwendet. Bei Kollegah – um einen Gangsta-Rapper zu erwähnen – gibt es manchmal zwei bis drei Metaebenen, auf denen seine Metaphern funktionieren. Und Haftbefehl, Massiv, Celo & Abdi und viele weitere Gangsta-Rapper ergänzten den deutschen Wortschatz um arabische, türkische und kurdische Begriffe, was die Bandbreite der Sprache erhöht.

Wann hat sich das Genre in Deutschland etabliert, und welche Künstler waren dafür verantwortlich?

Schacht: Da muss man ganz klar Aggro Berlin (ein Berliner Platten-Label, Anm. d. Red.) und ihre Künstler Sido, Bushido und Fler nennen. „Mein Block“ von Sido war der erste richtig erfolgreiche Gangsta-und-Straßen-Rap-Titel in Deutschland. Danach begann die Gangsta-Rapisierung der gesamten Szene.

Was meinen Sie damit?

Schacht: Nach dem Erfolg von Aggro Berlin wurde eine Welle losgetreten, viele Kids haben gesehen, dass deutscher Gangsta-und-Straßen-Rap funktioniert, das hat ihnen Mut gemacht, auch ihre Geschichten zu erzählen. Davor war Hip-Hop in Deutschland stark durch die Kinder der Mittelschicht geprägt, und deren entsprechende Themen. Meist wurde Rap über Rap gemacht, man beschäftigte sich mit Rap-Techniken und der Hip-Hop-Szene, weniger mit den Alltagserlebnissen.

Und heute?

Schacht: Zurzeit wächst zusammen, was jahrelang gespalten war: Gangsta-Rap und Backpack-Rap – von den Gangsta-Rappern früher auch liebevoll als Studenten-Rap gedisst – sind heute kein Widerspruch mehr. Cro und Haftbefehl zum Beispiel feiern sich gegenseitig. Die verstehen sich und reden ohne Vorurteile auch miteinander. Und viele Fans können auch beides ohne Probleme hören, je nach Stimmungslage.

Gangsta-Rap ist seit vielen Jahren ein weltweit erfolgreiches Musikphänomen. Dabei passen die Texte so gar nicht zum Mainstream.

Schacht: Das liegt daran, dass der Mainstream sich immer wieder Dinge aus dem Untergrund nimmt und sie zu einer Blase aufbläst, bis sie platzt. Im Hip-Hop herrscht aber ein enormer Innovationsdruck innerhalb der Szene. Da kommt wieder der Wettkampfgedanke zum Vorschein, der sehr im Hip-Hop sehr stark ist. Man will nicht dieselben Dinge tun, die auch der Mainstream tut. In Zyklen von fünf bis sieben Jahren werden Tanzstile, grafische Stilistiken und Sprache ergänzt oder sogar ausgetauscht.

Phrasen wie „fette Beats und fette Styles“ sind 90er-Jahre-Slangs. Das benutzt heute kaum noch jemand innerhalb der Szene. Hip-Hop bringt jedes Jahr neue Begrifflichkeiten hervor, alle Siegerbegriffe zum Jugendwort des Jahres kamen in den vergangenen Jahren aus der Hip-Hop-Kultur. Und jedes Mal, wenn der Mainstream uns etwas wegnimmt, erfinden wir etwas neues.

Früher haben wir die Slangs aus den USA übernommen, weil wir die cool fanden. Heute übernehmen Jugendliche Slangs aus den Sprachen der Migranten. Das heißt, die finden plötzlich Araber oder Türken cool. Das ist bemerkenswert, weil es vorher so etwas nicht gab, und damit leistet Hip-Hop wahrscheinlich einen wichtigeren Beitrag zur Integration als die Polizik es viele Jahre versucht hat.

Das sehen nicht alle so – siehe die Debatte um Bushido in diesem Sommer.

Schacht: Das Thema ist extrem komplex und hat eigentlich überhaupt nichts mit Hip-Hop oder Gangsta-Rap zu tun. Wenn Bushido Rockmusik machen würde, wäre alles genau so passiert. Das eigentlich perverse daran ist, dass wir als Außenstehende lediglich den Kampf der Gladiatoren betrachten, am Ende geht es aber den meisten Protagonisten wie auch den Medien nicht um das Thema an sich, sondern nur um die daraus zu erzielende Aufmerksamkeit.

Falk Schacht

Zur Person: Falk Schacht (38) ist ein Produzent, Journalist, Berater für Brands, Künstler und Labels für Jugendmarketing und Jugendkultur. Er arbeitet als Chefredakteur, Moderator und Produzent von „Mixery Raw Deluxe“, ein Hip-Hop-TV-Format, das seit zwölf Jahren in Produktion ist. Ab Herbst 2013 ist er Dozent an der Leuphana Universität Lüneburg für Journalismus und Musik- und Jugendkultur. Er arbeitete als Moderator für den Musiksender Viva, als Berater für die Bundeszentrale für politische Bildung und das Goethe-Institut sowie der gemeinnützigen Organisation Viva con Agua. Er war zehn Jahre Kolumnist für Europas größtes Hip-Hop-Magazin Juice und hat bereits als freier Redakteur und Autor für Kinderkanal „KIKA“, Radio N-Joy, Intro, Jazzthing, Lodown Magazine und Wax Poetics gearbeitet.

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