Ein ziemlicher Flop: „Die verlorene Oper. Ruhrepos“ am Staatsschauspiel Hannover

Scheitern, überall Scheitern

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Kreischend bunt, aber höchst wuselig: Die Bühne im Staatsschauspiel Hannover.

Hannover - Von Jörg Worat. „Das ist sonst nicht meine Art“, entschuldigt sich die Dame, die in der Pause das Schauspielhaus verlassen will, beim Aufsichtspersonal. „Aber in meinem Alter muss man schauen, wofür man die Lebenszeit einsetzt.“ Überhaupt gibt es etliche vorzeitige Abgänge an diesem Abend, und das ist verständlich: Die Premiere von „Die verlorene Oper. Ruhrepos“ am Staatsschauspiel entpuppt sich als ziemlicher Flop.

Dabei schienen gute Voraussetzungen gegeben, zeichnen doch zwei Theaterstars für die Produktion verantwortlich: der vielfach ausgezeichnete Autor Albert Ostermaier und der isländische Regisseur Thorleifur Örn Arnarsson, der für seine hannoversche „Edda“-Inszenierung den „Faust“-Theaterpreis bekommen hat.

Die beiden haben sich nun auf eine kuriose Episode der deutschen Theatergeschichte bezogen: 1927 sollte das Dream-Team Bertolt Brecht und Kurt Weill zusammen mit dem Filmemacher Carl Koch für die Essener Bühne eine avantgardistische „Industrie-Oper“ schreiben, die jedoch nie realisiert wurde. Das hannoversche Staatsschauspiel greift dieses Thema in Kooperation mit den Ruhrfestspielen Recklinghausen auf, wo das Stück vor sieben Monaten seine von der Kritik weit überwiegend verrissene Uraufführung erlebte.

Ein Großteil der Besetzung stammt aus dem Hannover-Ensemble, mit Hubert Wild kommt ein vortrefflicher Sänger hinzu und mit Arno Waschk ein fähiger Pianist. Zu Beginn wuselt die Truppe ausführlich auf der Bühne herum, bis alle ihre Plätze an kleinen Tischchen gefunden haben und beschreiben, was das besagte Jahr 1927 alles zu bieten hatte: den Jazz, die Geburt der Comedian Harmonists, den Übergang zum Tonfilm. Das geschieht chorisch und zwar unsauber chorisch, was vielleicht sogar Absicht sein mag, aber dadurch nicht besser konsumierbar wird.

Es gibt einen Running Gag mit einem lädierten Stuhl, den alle den Kollegen unterzujubeln versuchen, und langsam finden sich so etwas wie Rollenzuschreibungen. Aljoscha Stadelmann, einst ebenfalls Mitglied des hannoverschen Ensembles, wird zu Brecht, bei ihm eine Art Borderliner, der im weiteren Verlauf am Fuß von Helene Weigel alias Bettina Lamprecht zu knabbern beginnt und nie genau zu begreifen scheint, was um ihn herum eigentlich vorgeht. Mathias Max Herrmann gibt derweil einen arg verschüchterten Kurt Weill. Besonders sinnfällig ist das alles nicht, aber immerhin einigermaßen amüsant, weil halt gute Darsteller am Start sind.

Irgendwann kippt die insgesamt deutlich mehr als dreieinhalbstündige Aufführung allerdings endgültig ins Diffuse. Da wird eine Schreibblockade von Autor Ostermaier auf der Bühne dargestellt, was höchstens für zwei Minuten spannend wäre, aber partout kein Ende findet, und ohnehin gibt es nun viel durchaus eitles Theater über Theater.

Später betreten Clowns die Bühne - ohne dass man wüsste, warum. Säckeweise schwarze Kugeln werden ausgeschüttet, die Darsteller können sich kaum noch auf den Beinen halten, wenn auch Kunstrasenstücke etwas Stabilität bieten. Das Ende der Zechen wird beschworen, im Video kommt ein echter Bergmann zu Wort. In Großprojektion verfolgt das Publikum, wie die Darsteller Ostermaier-Gedichte vortragen, die nicht immer erkennbar mit dem Thema zu tun haben. Das bunte Bühnenbild ist ins Rotieren geraten, und es entsteht eine leicht entrückte Atmosphäre, die man aber von Regisseur Arnarsson schon kennt und die daher wirkt wie ein Selbstzitat.

Kurz: ein Stück Theater über das Scheitern, in dem das Scheitern selbst zum Prinzip erklärt wird. In Hannover konnte man das etwa schon 2016 bei Nis-Momme Stockmanns Fritz-Haarmann-Musical erleben; dieser Ansatz ist also nicht neu. Und in der Wiederholung wird er nicht interessanter.

Zum Anschauen

16. März, 18.30 Uhr, sowie am 17. März um 17 Uhr.

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