Alice Buddeberg findet für Heiner Müllers „Hamletmaschine“ und „Medea Material“ ein intelligentes Konzept

Scheitern kann auch lustvoll sein

„Ich spiele also die Ratte und sage zu mir selbst: ‚ Jetzt sag‘ doch mal was Originelles?‘“: Franziska Schubert im Zwiegespräch mit dem Kanalisationsbewohner.

Von Johannes BruggaierBREMEN (Eig. Ber.) · „Material“ von Heiner Müller, zusammengewürfelt an einem Abend: Das kann nicht gut gehen. Ist doch jedes seiner Stücke selbst eine einzige große Collage, voll verwirrender Bezüge, irritierender Verweise und verschlungener Deutungswege. Verstehen lässt sich nichts, allenfalls erahnen. Wer hier noch einmal Hand anlegt, Dramen miteinander vermengt, Szenen neu sortiert, ist größenwahnsinnig.

Alice Buddeberg ist es nicht. Für ihre Produktion im Brauhauskeller am Theater Bremen hat die Regisseurin das „Material“ fein säuberlich getrennt, jedes Stück einzeln einstudiert und beide Werke jeweils für sich stehend präsentiert: erst die „Hamletmaschine“, dann eine Pause, anschließend „Verkommenes Ufer Medeamaterial Landschaft mit Argonauten“. Im Spielplan sind auch Abende vorgesehen, die jeweils nur eines der beiden Werke zeigen (was sich auf den Eintrittspreis allerdings nicht auswirkt).

Heiner Müller inszenieren bedeutet scheitern. Seine Texte sind ein einziger Widerspruch, seine Bilder nicht zu realisieren. Im Brauhauskeller macht Franziska Schubert aus der Not eine Tugend, lässt das Publikum an ihrem höchstpersönlichen Interpretationsversuch teilhaben.

Die Bühne (Nele Dörschner) ist leer, nur links und hinten ragt die Berliner Mauer empor. Als graues, dreckiges, stummes Wesen kriecht Schubert über die Bühne. In ihrer Hand: eine Stoffratte. „Ist ja nichts los hier!“, ruft das Tier – von Schubert mit Piepsstimme imitiert. Früher, erfahren wir, war noch „Party“ in Berlin Mitte; vielen Bomben, Gewehre und Panzer. Jetzt bleibt nur noch der Todesstreifen. Und ein graues Individuum, das seine Sprache erst findet, als die Ratte ihm den Dreck aus dem Gesicht kratzt. „Ich war Hamlet“, stammelt Schubert und verkündet damit den eigentlich ersten Satz aus Müllers Stück.

Zwei Erfindungen der Regie. Die Ratte scheint irgendwie überflüssig. Die Mauer indes fungiert als thematische Klammer: An sie lehnt Buddeberg Müllers Textmonstrum an. Die Krise Hamlets wird in ihrer Inszenierung zur Krise eines Gefangenen. Ganz klassisch zeigt sich die Gefangenschaft in der Mauer. Moderner, medialer hingegen erscheint sie in den auf die Rückwand projizierten Videomitschnitten des Probenprozesses. Schubert als Hamlet muss da verfolgen, wie sie sich selbst beim Einstudieren ihrer Rolle angestellt hat. „Ich spiele also die Ratte und sage dann zu mir selbst: ‚Jetzt sag‘ doch mal was Originelles?‘“ Genau so, hört man Spielleiterin Buddeberg sagen. Und wenig später wieder Schubert: „Nee, ich find‘ schon, dass das ‘n toller Text is‘.“ Ein toller Text, aber wie ihn spielen?  Der mittels Videobotschaft als fiktive Figur entlarvte Hamlet versucht erst verzweifelt, sich das Leben zu nehmen, äußert anschließend „das Gefühl, dass ich Theater spiele“.

Eine Schauspielerin scheitert am Text, was nur gespielt ist, aber irgendwie auch doch wieder real anmutet. Sie scheitert so gesehen an der Fiktion, weil sie an der Wirklichkeit scheitert – und umgekehrt. Die leise Ahnung entsteht, Buddeberg könnte damit das ganze Dilemma unseres alltäglichen Scheiterns auf den Punkt bringen.

Der zweite Teil ist zum ersten Entsprechung und Gegenstück zugleich. Entsprechung ist er insofern, als sich erneut jemand in eine Art Gefängnis begibt. Gegenstück ist er, weil die drei männlichen Figuren des „Medea Materials“ dies erstens freiwillig tun und zweitens der holzvertäfelte Raum (gebaut aus rückseitig aufgestellten Mauerteilen) einem heimeligen Landhaus gleicht. Zackig betritt ein ISAF-Soldat (Sven Fricke) die Szene, schaut sich um und schnüffelt ein wenig an den drei rechtsseitig hängenden Kostümen: künstliche Frauenkörper mit Busen und breiten Hüften, eine zweite Haut für Männer mit Hang zur Travestie. „Entschuldigung“, haucht da verlegen ein langhaariger Hippie (Siegfried W. Maschek), der schneller wieder aus der Tür verschwunden ist, als er hereingeschaut hat. Stumm schaut sich der Soldat weiter um. „Entschuldigung“, tönt es wieder von links. Und diesmal bleibt der schüchterne Hippie – Entschuldigung – in der Wohnung, schaut sich gleichfalls ein wenig um (Entschuldigung), bietet dem Soldaten schließlich Pastillen an: „Entschuldigung?“ Da steht ein Dritter (Guido Gallmann) in der Tür: Dunkler Anzug, Krawatte, arroganter Blick. Stumm betritt er die Stube, entledigt sich der Krawatte und seines Jacketts. Bald wird deutlich: Der Soldat, der Entschuldiger – schon Hamlet hatte im ersten Teil zeitweise die Neigung zur Abbitte offenbart – und der Manager haben sich verabredet. Ein konspirativer Treff unter Männern zum „Medea“ spielen in künstlicher Frauenhaut.

Und während der Möchtegern-Hamlet zuvor noch sowohl am Suizid, als auch am Spiel an sich gescheitert ist, gehen die drei in ihrer jeweiligen Mörder- und Opferrolle auf. Ernsten Blickes wütet der Medea-Manager, erstickt den Hippie an seinem nackten schwangeren Bauch, dreht anschließend dem Soldaten den Kopf um. Dieser drückt bereitwillig auf eine knackende Plastikflasche, damit der Genickbruch auch akustisch gelingen möge. Währenddessen liegt der Hippie scheintot am Boden. Hamlets Krise als erstrebenswertes Ziel einer Selbstfindungsgruppe: Scheitern kann auch lustvoll sein.

Nicht alles überzeugt in Buddebergs Inszenierung. Das ist nur natürlich, weil ein vollständiges Gelingen in Müllers stets fragmentarischer Dramatik schlicht nicht möglich scheint. Beachtliche Lösungsansätze und ein intelligentes Gesamtkonzept erbringen aber einen durchaus unterhaltsamen Abend. Verantwortlich dafür zeichnen nicht zuletzt die durchweg überzeugenden Darsteller, von denen Siegfried Maschek in besonderem Maße beeindruckt.

Man sieht diesem Hippie einfach gerne zu, wenn er verlegen auf seine Finger schaut, zaghaft einen Einwand vorbringt oder am Ende schelmisch feixt, während er eine echt Müllersche Pointe vorbringt: „Wer hat bessere Zähne: Das Blut oder der Stein?“ Da muss der Manager, der eigentlich längst tot am Deckenbalken baumelt, unwillkürlich grinsen.

Weitere Vorstellungen: „Die Hamletmaschine“ heute sowie am 30. Oktober, „Medea Material“ morgen sowie am 28. Oktober und beide Produktionen zusammen an 21. und 31. Oktober, jeweils um 20.30 Uhr im Brauhauskeller.

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