Schauspiel Hannover bringt Roman „Alles ist erleuchtet“ auf die Bühne

Geschichtliche Geschichten

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Jonathan (Daniel Nehrlich) sucht seine Herkunft: „Alles ist erleuchtet“ bewegt sich in Hannover zwischen Loriot und Clownschule.

Hannover - Von Jörg Worat. Ach herrje, wie soll man da den Überblick behalten? Es gibt eine Geschichte, eine Geschichte über die Geschichte und dann noch die geschichtliche Geschichte – das klingt schon für einen Roman aberwitzig, aber auf der Bühne muss es doch endgültig schief gehen? Nichts dergleichen: Mit der Theaterfassung von Jonathan Safran Foers „Alles ist erleuchtet“ hat das Staatsschauspiel ein kleines Juwel in die Landschaft gesetzt. Aus gutem Grund kam in der Cumberlandschen Bühne heftige Begeisterung auf.

Ein sonderbares Quartett begibt sich auf Spurensuche gen Osten, genauer gesagt in die Ukraine. Dort will der junge Amerikaner Jonathan – ja, die Sache ist autobiographisch angehaucht – etwas über seine Herkunft erfahren. Der Dolmetscher Alex, dessen Redseligkeit in umgekehrtem Verhältnis zu seinen Übersetzungskünsten steht, hat seinen Großvater mitgebracht, und auch der scheint für den Job nur bedingt geeignet, soll ausgerechnet er doch trotz behaupteter Blindheit das Auto lenken. Ein völlig weggetretener Hund namens Sammy Davis Jr. Jr. komplettiert die Reisegesellschaft.

Das Erleben ist eine Sache, das Berichten darüber eine andere. So geht es auf einer zweiten Ebene darum, wie Erfahrung in Erzählung umgesetzt wird und ob man sich dabei immer zwangsläufig an die sogenannte Realität halten müsse. Wenn doch die Fantasie oft sehr viel reizvoller erscheint.

Klingt soweit alles skurril bis lustig, und entsprechend läuft es in Andrea Wagners über Eck gebautem Bühnenbild mit den runden Lampen und den runden Ballons auch ab. Daniel Nerlich macht aus Jonathan einen sympathischen Nerd, Sandro Tajouri schwafelt wunderbar souverän meist in einer Kunstsprache daher, als hätte da jemand aus dem Lexikon immer genau das haarscharf unpassende Synonym herausgesucht. Thomas Neumann ist ein herrlich grantelnder Großvater, und Lisa Natalie Arnold spielt den Hund, wie er eben gespielt werden muss, nämlich mit vollem Körpereinsatz.

Mal gemahnt’s an Loriot, mal an eine durchgeknallte Clownsschule, und dabei hätte man es belassen können. Das aber wäre ein billiger Punktsieg gewesen, denn Tiefe bekommt die Sache erst durch die Geschichten aus der fiktiven Variante des Schtetls Trachimbrod.

Da geistern so spannende Figuren herum wie das Mädchen Brod, das tiefgründig bis weise den „Almanach der 613 Traurigkeiten“ zu enthüllen weiß, oder dessen Gatte, der nach einem Unfall sein Leben mit einem Sägeblatt im Kopf fristet, munter, wenngleich mit leichten Verhaltensstörungen. Und schließlich schwindet jeder Resthumor, wenn die Einbindung mancher Figuren in die Gräueltaten der Nazis zur Sprache kommt – sehr klar und ohne großes Pathos wird das erzählt.

Alle vier Akteure beweisen in den Mehrfachrollen ihre Vielseitigkeit. Zudem haben es Regisseurin Mina Salehpour und Dramaturgin Vivica Bocks geschafft, dass die Spannung über die gesamten pausenlosen zwei Stunden hält – nur ganz vereinzelt wird es eine Spur länglich, und das mag sich bei kommenden Aufführungen auch noch zurechtruckeln.

Sehr starker Abend. Die heutige Vorstellung ist schon ausverkauft, für den 21. März und die April-Termine gibt es noch Karten. Aber womöglich nicht mehr lange, zumal die Cumberlandsche Bühne nur über rund 200 Sitzplätze verfügt.

Kommende Vorstellungen: am 21. März sowie am 9., 14. und 24. April, jeweils um 20 Uhr im Schauspielhaus Hannover, Cumberlandsche Bühne.

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