Eine Retrospektive in New York zeigt die ganze Bandbreite des Schaffens von Tim Burton

Schaurig schöne Parallelwelt

Tim Burton: o.T. (The Melancholy Death of Oyster Boy and Other Stories), 1998

Von Volker GebhartNEW YORK (Eig. Ber.) · Friedhöfe und Museen sind sich gar nicht so unähnlich. Diesen Eindruck gewinnt zumindest der junge Tim Burton. Aufgewachsen in Burbank, Kalifornien, zieht es ihn als Kind in Monster-Filme und vor den Fernseher. Friedhöfe werden zu seinem Spielplatz.

Jahre später als Burton startet, Museen zu besuchen, fällt ihm auf wie sich doch deren Atmosphäre mit der zwischen Gräbern ähnelt. Wobei Burton sich hier nicht auf das Morbide bezieht, sondern auf die Stille, auf elektrisierende Momente und Mysteriöses. Auf Leben und Tod, die an beiden Plätzen eine Rolle spielen.

Es erscheint logisch, dass all diese Elemente in Tim Burtons umfangreicher Retrospektive, die das Museum of Modern Art (MoMA) in Manhattan noch bis zum 26. April zeigt, eine wichtige Rolle spielen. Die bisher umfangreichste Schau der MoMa, die einem einzigen Filmemacher gewidmet ist, umfasst mehr als 700 Arbeiten aus den nunmehr 27 Jahren seines Schaffens.

Burton erreichte mit Hollywood-Produktionen wie „Batman“ (1992), „The Nightmare Before Christmas“ (1993) sowie „Charlie and the Chocolate Factory“ (2005) ein Massenpublikum und konnte sich zugleich Kultstatus sichern. Die MoMa Retrospektive reicht weit über sein filmisches Werk hinaus. Sie bildet die gesamte Bandbreite seines künstlerischen Wirkens ab.

Das ausgestellte Werk reicht von frühen Kritzeleien und Schulprojekten über zahllose Cartoons, Malerei, Animationen, Polaroids, Skulpturen bis hin zu Skizzen für nicht realisierte Projekte und Modelle für Filme. Eine ganze Reihe der Arbeiten stammt aus Burtons privatem Archiv, ist erstmalig zu sehen und macht die Entwicklung von Themen und Motiven nachvollziehbar.

Die Besucher wandern durch den Rachen eines Burton-typischen Monsters auf rotem Teppich oder vielmehr einer Zunge hinein in eine düstere, zynische, manchmal brutale und doch immer humorvolle Wunderwelt. Größer gewachsene MoMa Besucher müssen gar aufpassen, sich nicht an einem der langen Zähne zu stoßen, die aus dem Oberkiefer des Eingangs ragen.

Burton schöpft, das wird in der Schau deutlich, aus einer scheinbar endlosen Phantasie und hat im Wirrwarr der verschiedenen Formen, Stile und Medien, die er als sein Ventil nutzt, eine eigene Ästhetik entwickelt.

Burton bricht in seinen Darstellungen mit rationalen und natürlichen Grenzen. Sein Werk hat eigene Gesetze. Seine Kreaturen sind grotesk, ihre Augen ragen aus deren Höhlen heraus. Sie stehen nicht nur physisch auf dünnen wackligen Beinen, sondern auch mit ihrem Seelenleben. Und während die reale Welt in Burtons Kunst zumeist einengend und klaustrophobisch dargestellt wird, erscheinen seine parallel existierende Phantasiewelten nicht nur farbenfroher, einfallsreicher, sondern oftmals auch logischer. Burton hat als Schauplatz für seine Geschichten ganze Städte, so zum Beispiel Gotham City für „Batman“ kreiert, er hat einen Wald für „Sleepy Hollow“ konstruiert und einen Fluss mit Schokolade gefüllt („Charlie’s Chocolate Factory“).

Burtons Arbeiten, und so auch das Konzept der Ausstellung, fordern den Besucher, sich auf diese einzulassen. Wo das gelingt, da entfalten Bilder wie Skulpturen und Filme eine erstaunliche und tiefergehende Wirkung. So zum Beispiel das mit Lampions erleuchtete Modell eines Hauses. Nur wer einen Blick hinter die beschauliche Fassade wirft, erblickt Stainboy. Fassungslos steht Burtons grauer Antiheld da. Dunkle Ringe zieren seine Augen, der Umhang ist blutverschmiert. Hinter ihm ragen reglose Beine hinter einer Wand hervor. Burton erzählt hier eine seiner Geschichten. Die Szene ist wechselnd in rot, gelb und blau getaucht. Der Künstler verwandelt das Stillleben mit Hilfe von grellem Licht in eine lebendige Sequenz, in einen Film, der wie von selbst im Kopf zu laufen beginnt.

Die Retrospektive belässt es jedoch nicht dabei, Burtons Arbeiten zur Schau zu stellen. Sie versucht zugleich, seinen Einflüssen auf die Spur zu kommen. So zeigt sie neben Burtons Werken eine Schau von Filmen, die den Künstler inspiriert haben, darunter „Nosferatu“, „Plan 9 From Outer Space“ aber auch Tex Avery Cartoons.

Auch Tim Burton selbst ist in der Ausstellung auf einem Portrait zu sehen, das ihn auf einem Karussell zeigt. Der Künstler schaut drein wie ein Kind, das beim Spielen vom Fotografen eher gestört wird. Er trägt einen spitzen Clownhut und hält sich an den Ohren einer Maus fest, die zu den Karussellfiguren zählt. Die nächste Runde muss gleich beginnen.

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