„Say Kimchi!“: Syker Vorwerk stellt Ergebnisse des südkoreanisch-deutschen Künstleraustauschs vor

Saugen und schlecken in der Fremde

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Iiiiiiiiih! Ein Oktopus wird abgeschlabbert: Videostill aus Min Jungs „Fremdsauger“.

Syke - Von Johannes Bruggaier. Wenn die Bremer Kunsthochschule ihre Meisterschüler präsentiert, ist Südkorea immer dabei. Keine Ausstellung ohne Künstler aus dem fernen Osten, Südkorea ist an deutschen Kunsthochschulen so häufig vertreten wie kein anderes Land. Umgekehrt reisen auch immer wieder junge deutsche Künstler nach Seoul, um in der Ferne neue Inspiration zu erlangen. Das Syker Vorwerk nimmt diesen Umstand zum Anlass für eine verbindend vergleichende Ausstellung. „Say Kimchi!“ zeigt Werke von deutschen Künstlern, die in Südkorea gewirkt sowie von südkoreanischen Kollegen, die in Deutschland studiert haben. - Von Johannes Bruggaier.

Herausgekommen ist dabei eine Schau, die mit kulturellen Unterschieden und Fremdheitserfahrungen spielt. Fremd etwa fühlte sich Bernd Metz, als er im Land des Hanji-Papiers erkennen musste, dass sich mit diesem Papier gar nicht so arbeiten lässt wie erhofft. Er sei durch große Kaufhallen geirrt, erzählt Metz, immer auf der Suche nach einem geeigneten Stoff. Doch statt eines glücklichen Moments habe er bis zuletzt nur die Überforderung gefühlt, den Overkill an Eindrücken. Dieser fand sich schließlich auch in seiner Kunst wieder. Ein computergeneriertes Zufallsmuster aus Grundfarben: Aus der Nähe zeigt es seine Struktur im Detail, in der Entfernung wird daraus eine diffuse Masse.

Am Ort dieser Überforderung selbst hatte Metz dieses Objekt noch an die Wand gehängt. Nun liegt es auf dem Boden des Vorwerks, fein säuberlich zusammengefaltet: Der Heimgekehrte hat in der Zwischenzeit offenbar aufgeräumt in seinem Gemüt. Von Verwirrung zeugen allenfalls noch zwei schmale Streifen an der Wand. Doch die sind mehr eine filigrane Zierde.

Friederike Haug hat für ihren Moment der Ratlosigkeit einen gegensätzlichen Weg eingeschlagen. Statt der diffusen Masse inszeniert sie in ihrem Video den leeren Raum. Es handelt sich um das ihr zur Verfügung gestellte Atelier. Darin: ein Rolltisch. Ausgangspunkt und Aufforderung zum kreativen Schaffen. Und so rollt sie diesen Tisch von links nach rechts, von rechts nach links, Pendelbewegungen einer Fremden im Raum der Anonymität.

Und die koreanischen Künstler in Deutschland? Fühlen auch sie sich überfordert, einsam, ratlos? Man kann manches Motiv so verstehen, etwa wenn Hea-Jung Kwon mit Kohle immer neue Linien aufs Papier bringt: eine Meditation in 50 Folgen. Doch es gibt auch offensive Auseinandersetzungen mit hiesigen Wertvorstellungen und Ästhetiken. Min Jung beispielsweise führt mit einem Video ihr Publikum buchstäblich aufs Glatteis, wenn ihr saugender und schleckender Mund in Nahaufnahme lediglich einen Eiswürfel abzulutschen scheint. Erst allmählich wird deutlich, dass dieser sexuell konnotierte orale Vorgang keinem Eis gilt, sondern einem anderen glibberigen Gegenstand, dessen Hautoberfläche verdächtig fischig erscheint. Ein Oktopus ist es, der hier genüsslich abgeschlabbert wird, wodurch sich der erotische Reiz unversehens in ein Gefühl des Widerwillens verkehrt – jedenfalls beim durchschnittlichen deutschen Wohlstandsbürger, der seinen Oktopus bloß noch als Ansammlung fritierter Gummiringe kennt.

Es ist keine spektakuläre, aber durchaus reizvolle Ausstellung geworden, die kulturelle Unterschiede auf spielerische Weise umreißt und Fremdheitserfahrungen auf einer sehr abstrakten Ebene diskutiert. „Kimchi“ ist übrigens ein koreanisches Gemüsegericht, was zum Verständnis des Ausstellungstitels allerdings wenig beiträgt.

„Say Kimchi!“ bedeutet nämlich so viel wie „Sagt schön Cheese!“ bei deutschen Fotografen: ein Appell zum Lächeln – wie auch diese Schau ihr Publikum mitunter leise lächeln lässt.

Bis 30. August im Syker Vorwerk. Öffnungszeiten: Mi. 15-19 Uhr, Sa. 14-18 Uhr.

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