Die Geschichte des Horrors

Bremer Filmexperte Christian Keßler stellt sein neues Buch vor

Das Cover des neuen Buchs des Bremer Filmexperten Christian Keßler.

Bremen - Von Benjamin Moldenhauer. An den Rändern der Geschichte des Kinos geht es alles in allem interessanter zu als im Zentrum. Das Horrorgenre ist ein Inbegriff kinematografischer Randständigkeit. Die Begeisterung dafür hat etwas Kindliches - was nicht zu verwechseln ist mit kindisch. Gemeint ist ein kindlicher Blick auf die Welt, der diese Filme beseelt und der sich immer wieder aufs Neue darüber informieren will, wie es um jene Welt bestellt ist. Selbst ein ästhetisch konservativer Horror-Blockbuster erinnert zumindest noch daran, dass die Welt kein so heimeliger Ort ist, wie es einem die Erwachsenen als Kind erzählen wollten.

Und noch der bekloppteste Vertreter des Genres zehrt von dem Versprechen, Dinge zu zeigen, die ansonsten gemeinhin unter der Oberfläche verborgen bleiben. Wo dieses Versprechen sich so wuchtig realisiert, dass noch der nüchternste und aufgeklärteste Kopf merkt, dass die Haare auf den Armen sich kräuseln oder das Herz ein wenig schneller pumpt, hat man es zumeist mit einem der Klassiker zu tun.

Der Bremer Filmgelehrte Christian Keßler hat mit „Endstation Gänsehaut“ eine Liebeserklärung an den Horrorfilm geschrieben, die die kanonischen wie auch die vergessenen Genrevertreter umschließt. Das Buch ist ähnlich gründlich wie Kim Newmans grundlegender Genreüberblick „Nightmare Movies“, aber ungleich subjektiver gestimmt. Heißt: Christian Keßler feiert und verreißt mit Lust und Urteilskraft. Zumeist wird indes gefeiert. Auch windschiefen Exemplaren kann der Autor noch eine krude Schönheit abgewinnen.

Gegliedert nach zentralen Figuren - Geister, Vampire, Zombies - marschiert der Text einmal im Sauseschritt durch die Genregeschichte und bleibt trotzdem detailverliebt. Auch wenn der Autorengeschmack von der ersten Seite an das ausschlaggebende Kriterium ist, hat man nach dem Lesen das Gefühl, eine umfassende Darstellung des unheimlichen wie des drastischen Leinwandgematsches und -geschreis der vergangenen 130 Jahre gelesen zu haben.

Keßler hat bereits vor Jahren ein höchst eigenwilliges Schreiben über das Kino entwickelt. Was für die Vorgängerbücher „Wurmparade auf dem Zombiehof. Vierzig Gründe, den Trashfilm zu lieben“ und „Der Schmelzmann in der Leichenmühle“ gilt, gilt auch hier: Die Sätze sind durchzogen von einer mal robusten, mal feinen Ironie, die die durchgängig präsente Liebe zum Gegenstand nicht mindert. Der Witz markiert keine Distanznahme, sondern fügt sich in den Gestus unverwüstlicher Begeisterung ein, die noch der schlimmsten Gurke als Produkt menschlicher Arbeit Gerechtigkeit widerfahren lassen will. „Ich versuche mit meinen Texten, das weiterzugeben, was ich für gut, wahr und schön halte“, bringt Keßler sein Schreiben auf den Punkt. „Gleichgültigkeit als Normalzustand wünscht sich kein Mensch.“ Eine Haltung, mit der man auch Menschen, die sich einen Film wie „The Texas Chainsaw Massacre“ nicht freiwillig anschauen würden, von den Schönheits- und Wahrheitspotenzialen des Genres überzeugen kann.

Zum Weiterlesen:

Am Sonntag, 10. Februar, ab 20 Uhr liest Christian Keßler im Bremer Cinema aus seinem Buch und zeigt Filmausschnitte. „Endstation Gänsehaut. Eine persönliche Reise durch das Horrorkino“ ist im Martin Schmitz Verlag erschienen.

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