Syker Vorwerk untersucht das „Material in der zeitgenössischen Kunst“

Satt und dekadent

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Marco Di Carlo: „Glas“, 2013. ·

Syke - Von Johannes Bruggaier. Es ist eine penibel berechnete Konstruktion aus 21 Stahlrahmen, die sich im Syker Vorwerk vom Parkettboden zur Wand emporschwingt.

Ein einziger Rahmen weniger oder mehr, und das exakt ausbalancierte Gerüst müsste in sich zusammenfallen: Ausweis eines vollkommenen Bewusstseins für Material und Form.

Was aber ist das hier überhaupt: Material? Geht es dem Kasseler Künstler Günter Stangelmayer wirklich um den Stahl als Werkstoff einer Ästhetik, die man aufgrund ihrer statischen Dimension irgendwo zwischen Architektur und industriellem Design anzusiedeln neigt? Oder muss nicht vielmehr das Magnetfeld als eigentliches Material dieser Plastik gelten?

Die Antwort auf diese Frage ist für die Warhnehmung durchaus bedeutsam. Denn wer seinen Blick nicht mehr auf das sichtbare Element des Stahls fokussiert, sondern auf das unsichtbare der Gravitation, der sieht in Stangelmayers Werk plötzlich weniger das Industrie- als vielmehr das Naturprodukt. Dann zeigt sich darin eine geschwungene Form, wie man sie von der Doppelhelix menschlicher DNA oder von pflanzlichen Wuchsformen kennt. Es drängt sich eine Ahnung auf: von dem Zusammenhang zwischen Wuchsform und Schwerkraft. Und davon, wie sehr sich die banale Alltagserfahrung dieser Schwerkraft letztlich auf unsere ästhetische Wahrnehmung auszuwirken vermag.

„Das Material in der zeitgenössischen Kunst“, lautet der Untertitel dieser Ausstellung. Es ist auf den ersten Blick ein überzogener Anspruch, den die beiden Kuratorinnen Nicole Giese und Johanna Adam damit formulieren. Denn Material in der zeitgenössischen Kunst ist so ziemlich alles, von der guten alten Leinwand bis zu mit Diamanten besetzten Totenschädeln. Und dann gibt auch noch der Haupttitel „An die Substanz“ Anlass zur Befürchtung, der materielle Substanzbegriff könnte in dieser Schau den intellektuellen in den Hintergrund drängen.

Tatsächlich, sagt Adam, habe es bei manchen Künstlern einiger Überzeugungsarbeit bedurft, bis sie sich zur Teilnahme bereit erklärten. Dabei sei dem Kuratorenduo von Anfang an bewusst gewesen, dass sich dieses Thema nur über seine eigene kritische Reflexion anpacken lässt – und nicht etwa über die naive Aufzählung einzelner Werkstoffe. So sind nun statt plakativer Materialschlachten mehr diskursive Objekte wie etwa Stangelmayers diffizile Stahlkonstruktion zu sehen.

Weniger auf physikalischer denn auf kulinarischer Ebene offenbart sich die Wirkung des künstlerischen Werkstoffs bei Marco Di Carlo, auch er aus Kassel. In die Mitte des Raumes hat er einen Kubus aus dicken, gelb glänzenden Blöcken gemauert. „Butterklotz“ lautet der Titel, obgleich es sich zwar nicht um originale Butter handelt, aber immerhin um echtes Fett. Allein die Vorstellung eines Verzehrs lässt den gerade einmal kniehohen Block geradezu tonnenschwer erscheinen: ein Mahnmal der Sattheit und Dekadenz.

Vielleicht die eindrucksvollste Annäherung an die Wechselwirkung von Material und Substanz findet sich bei Clarissa Dietrichs Plastiken aus Gips. Die Bremer Künstlerin spürt darin mit bewusst fragmentarischer Formgebung den Ausdrucksmöglichkeiten menschlicher Kopfhaltungen nach. In der völligen Reduktion auf Neigungswinkel und Blickrichtung – Mimik interessiert hier nicht – offenbart sie deren inszenatorische Kraft.

Nicht alles kann überzeugen in dieser ambitionierten Schau. Die New Yorker Künstlerin Nina Yuen versucht sich in einer Videoperformance an der kritischen Hinterfragung etablierter Alltagshandlungen. Indem sie in der Badewanne den Seifenschaum gleich tütenweise über ihren Kopf schüttet und sich nach der Körperpflege trockenfächert statt zum Handtuch zu greifen, weicht sie vom kollektiven Verständnis des rechten Materialgebrauchs ab: eine schon allzu oft durchgespielte Übung.

Und doch überwiegen im Vorwerk die raffinierteren Ansätze, die überraschenden Impulse zum neuen Nachdenken über Stoff und Form. Die eigentliche „Substanz“ der bildenden Kunst: Sie liegt wahrscheinlich in eben diesem Nachdenken begründet.

Bis 27. Oktober im Syker Vorwerk – Zentrum für zeitgenössische Kunst, Am Amtmannzeich 3, Syke. Öffnungszeiten: Mittwoch 15 bis 19 Uhr, Samstag 14 bis 18 Uhr, Sonntag 11 bis 18 Uhr.

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